Zeitreise: Urlaub im Seebad

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Passend zur Jahreszeit führt meine Zeitreise in dieser Woche ans Meer und an den Strand – wir stellen uns vor, wir begleiten unsere Urgroßeltern im 19. Jahrhundert in ein Seebad, wie die Bäder an der Küste damals genannt wurden. „Bad“ hießen diese Orte aber nicht, weil man dort baden oder gar schwimmen wollte, sondern weil sie wegen ihres Klimas als Erholungs- und Kurorte galten. Immerhin mietete man bereits Strandkörbe, in die man sich dann vollständig bekleidet setzte, denn natürlich wollten bessere Kreise ihre makellos helle Haut nicht der Sonne aussetzen. Und zum Baden zog man sich zwar um, aber die üblichen „Badekostüme“ verdeckten noch deutlich mehr als sie enthüllten. Schon nackte Füße wären ein Skandal gewesen! Überhaupt war Baden im Meer eine ziemlich aufwändige Sache, aber dazu gleich mehr.

Badegäste auf Norderney um 1900

 

Am Strand von Norderney um 1910. Foto: Bundesarchiv

Der Urlaub am Meer wurde im 18. Jahrhundert vom britischen Adel erfunden; die ersten Seebäder Europas entstanden 1730 in Scarborough und 1736 in Brighton. Etwa sechzig Jahre später kam die neue Mode auch bei uns an. In Doberan-Heiligendamm wurde 1793 die erste Badeanstalt an der Ostsee eröffnet, Norderney folgte vier Jahre später als erstes Bad an der Nordsee.

Badekarren auf Norderney 1910. Foto: Bundesarchiv

Wer glaubt, dass die Urlauber damals einfach nach Lust und Laune an den Strand und ins Wasser gegangen wären, irrt sich gewaltig. Im 19. Jahrhundert badete man noch ordentlich und mit System, getrennt nach Männern und Frauen, und an Schwimmen war sowieso noch nicht zu denken. Lassen wir uns einfach von Karl Mühry erklären, wie anno 1836 auf Norderney gebadet wurde: „Zum Baden in offener See ist der West- und Nordweststrand bestimmt, und zwar der erstere für die Damen, der letztere für die Herren. (…) Man badet hier nur einmal täglich, zur Zeit der aufsteigenden Flut. (…) Zur Aufrechterhaltung der Ordnung in der Reihenfolge unter den Badenden ist die Einrichtung getroffen, dass ein jeder bei der Ankunft am Badeplatze sein im Konversationshause gelöstes Badebillet abgibt, seinen Namen auf eine dazu bestimmte Tafel schreibt und eine Nummer empfängt, welche die Reihenfolge bestimmt. Die Nummern werden der Reihenfolge nach laut aufgerufen, sobald eine Badekutsche leer ist. (…) Selten hat man (es) nötig, lange zu warten, da die Anzahl der Badekutschen sehr groß ist. Diese sind geräumige, auf vier Rädern ruhende, hölzerne Kabinettchen, welche zum Aus- und Ankleiden dienen, und worin man bis zu gehöriger Tiefe ins Wasser geschoben wird. (…) An allen Kutschen der Damen sind Leinwandschirmchen (…), die bis auf die Wasserfläche niedergelassen werden können.“

Badekarren in Ostende (Belgien) 1913

Ihr „Badekostüm“, das meistens aus einem „Beinkleid“ mit Pumphosen, einem Kleid darüber, langen Strümpfen, Badeschuhen und Haube bestand, mussten sich die Damen damals noch selbst nähen oder bei der Schneiderin in Auftrag geben. Männer gingen häufig einfach im langen Unterhemd ins Wasser. Gestrickte Trikotanzüge für Herren, schwarz oder gestreift, kamen um 1900 auf. Ähnliche Modelle für Damen, bei denen Arme und Beine unbedeckt blieben, galten vor 1920 als anstößig.

Badegäste auf Borkum um 1910. Foto: Bundesarchiv

Kinder auf Borkum um 1900

Anders als die Badekarre ist der Strandkorb eine deutsche Erfindung. Erfunden wurde er 1882 von dem Rostocker Korbmacher Wilhelm Bartelmann für eine gewisse Elfriede von Maltzahn, die sich eine Sitzgelegenheit für den Strand in Warnemünde wünschte, die Schutz vor Sonne und Wind bot. Bartelmanns „Strandstuhl“ erregte Aufmerksamkeit, es gingen weitere Bestellungen ein, und schon 1883 eröffnete Bartelmanns Ehefrau die erste Strandkorbvermietung in Warnemünde, denn nur wenige Badegäste wollten ein Möbelstück kaufen, das sie nur wenige Wochen im Jahr brauchten. Um 1900 wimmelte es an den Stränden von Ost- und Nordsee bereits von Strandkörben, es gab mittlerweile den bekannten Zweisitzer, außerdem Modelle mit Fußstützen und kleinen Tischen, sogar schon mit verstellbarer Rückenlehne. Aber obwohl so ein Strandkorb eine wirklich bequeme Sitzgelegenheit am Meer ist, ist er bis heute ein rein deutsches Phänomen geblieben – nicht mal auf Mallorca oder in Rimini wurde er bislang gesichtet.

Herrenstrand auf Norderney um 1900

 

About Petra Foede

Ich bin Kulturhistorikerin und freie Journalistin. In diesem Blog schreibe ich über die Geschichte von Gerichten, über berühmte Cafés und Restaurants sowie über dies & das aus der kulinarischen Vergangenheit.
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4 Responses to Zeitreise: Urlaub im Seebad

  1. zorra says:

    Könnte sein, dass es in den südlichen Ländern im Strandkorb zu heiss wird, da ist ja man froh um jedes Lüftchen. Leider hab ich noch nie in einem Strandkorb gesessen, dabei finde ich die so hübsch.

  2. Petra Foede says:

    @Zorra: Da hast du recht, in heißen Ländern braucht man so etwas wohl eher nicht. Aber an Nord- und Ostsee ist so ein Strandkorb wirklich etwas Herrliches – nur, wenn man auch
    den Rücken bräunen will, muss man ihn ab und zu mal verlassen ;)

  3. Louise says:

    I have seen what Americans dressed like ages ago especially scenes from Coney Island but, I have never seen bathing apparel and accessories from any other country which I now realize is quite a shame.

    Thank you so much for sharing Petra. You come up with some the most interesting posts:)

  4. Petra Foede says:

    Thank you so much for visiting my blog Louise! I have seen some old pics of Coney Island too and they are so amusing :)