Wer hat das Müsli erfunden?

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Eines meiner Steckenpferde ist die Erforschung ganz einfacher Dinge, die selbstverständlich zu unserem Alltag gehören. Zum Beispiel seit wann und warum man hierzulande gekochte Eier zum Frühstück isst. Die Frage, seit wann wir morgens Müsli (Müesli) essen, lässt sich wesentlich leichter beantworten, denn man weiß, wer es erfunden hat: Es war der Schweizer Mediziner Maximilian Bircher-Benner (1869-1939), der sich auf Methoden der Naturheilkunde spezialisierte. Um 1900 entwickelte er eine Rohkost-Diät für die Patienten seiner Privatklinik, zu der auch das Müsli gehörte. Das elegante Sanatorium auf dem Zürichberg inspirierte Thomas Mann übrigens zu seinem Roman Der Zauberberg.

Foto: Markus Kuhn (Creative Commons)

Wir kennen Müsli als Mischung aus Haferflocken, Nüssen, frischen oder getrockneten Früchten, angerührt mit Milch, Joghurt oder Orangensaft – zur Zeit von Bircher-Benner war es aber noch etwas völlig anderes. Es heißt, dass er als junger Arzt einmal in den Bergen unterwegs war und ihm auf einer Alm eine einfache Mahlzeit aus Äpfeln, Nüssen und Getreidebrei vorgesetzt wurde, die ihm als optimal für die menschliche Ernährung erschien – einfach, ungekocht, urwüchsig. Und wenn die Senner sich davon seit Jahrhunderten ernährten … (Natürlich taten sie das nicht, sie lebten vor allem von Brot, Milch und Käse, aber das passt nicht zu dieser Geschichte.)

Das Original-Müsli

Bircher-Benner entwickelte etwas Ähnliches, das er offiziell „Apfel-Diätspeise“ nannte, im Familienkreis „d’ Spys“ („die Speise“). Sein Originalrezept geht folgendermaßen: Man nimmt pro Person 2 bis 3 kleinere oder einen großen Apfel, 1 Esslöffel voll geriebene Nüsse oder Mandeln, 1 Esslöffel eingeweichte Haferflocken, den Saft einer halben Zitrone und 1 Esslöffel gezuckerte Kondensmilch. Man vermengt die Haferflocken mit Kondensmilch und Zitronensaft, reibt den Apfel samt Schale und Gehäuse auf einem Reibeisen (Raffel) und mischt ihn schnell unter den Brei, damit „die Speise“ schön weiß bleibt. Die geriebenen Nüsse werden obenauf gestreut. Fertig.

Man merkt sofort: Haferflocken und Nüsse sind beim Original nur Beiwerk, Hauptzutat ist der Apfel. Das erklärt auch, warum die Speise umgangssprachlich bald Müsli (in der Schweiz Müesli) genannt wurde, also „kleines Mus“ oder „Breichen“ – es war ein angereicherter Apfelbrei. Die Frage, wieso Bircher-Benner es versäumt hat, sich den Name Müsli schützen zu lassen, ist leicht beantwortet: Er hat seine Erfindung selbst nie so genannt. Er hat übrigens auch nicht die Reibe (Raffel) erfunden, die er zum Zerkleinern von Äpfeln und Nüssen verwendet hat, die gab es schon. Er hat aber später für einen Hersteller eines solchen Geräts Werbung gemacht, der es daraufhin als „Bircherbenner-Raffel“ verkauft hat.

Maximilian Bircher-Benner

Gesund wie Muttermilch

Vermutlich wissen nur wenige, dass Bircher-Benner damals mit seiner Speise eine Art menschliche Ur-Nahrung kreieren wollte, die im Nährwert und der Zusammensetzung im Hinblick auf Kohlehydrate, Eiweiß und Fett fast identisch mit Muttermilch war. Darum auch die gezuckerte Kondensmilch, die in Konsistenz und Geschmack Muttermilch wesentlich näher kommt als andere Milch. Und deshalb muss man beim Urmüsli auch nicht kauen – es war tatsächlich ein Babybrei für Erwachsene!

Das Bircher-Müsli blieb lange Zeit auf die sogenannte Lebensreform-Bewegung beschränkt, wobei es sowohl Frühstück als auch Abendessen sein konnte. In der Schweiz wurde es lange Zeit vor allem abends gegessen, gerne als Birchmüesli complet mit Butterbrot und Kaffee. Es waren wohl deutsche Studenten, die in den 1970er Jahren anfingen, Müsli als alternative Frühstückskost zu entdecken und den Anteil von Haferflocken (grob geschrotet natürlich) und ungemahlenen Nüssen und Körnern deutlich zu erhöhen – und seitdem ist Müsli auch etwas zum Kauen.

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About Petra Foede

Ich bin Kulturhistorikerin und freie Journalistin. In diesem Blog schreibe ich über die Geschichte von Gerichten, über berühmte Cafés und Restaurants sowie über dies & das aus der kulinarischen Vergangenheit.
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5 Responses to Wer hat das Müsli erfunden?

  1. katha says:

    ich hab’ mich auch mal ein bisschen intensiver mit dem bircher müesli beschäftigt und kann fast alles nachvollziehen, was du geschrieben hast. aber: deine klammer zu den sennern (sennen und sennerinnen) stimmt so auch wieder nicht. denn im alpenraum ist ein “muas” (oder sterz etc.) aus gekochtem getreide, getreideschrot, – grieß oder mehl eine übliche mahlzeit, meist zum frühstück, aber auch zum abendessen. und ich kann mir gut vorstellen, ohne das jetzt nachrecherchiert zu haben, dass dieser getreidebrei, der z. t. heute noch üblich ist, die inspiration für bircher-benner war. so weit hergeholt ist das nicht. wenn das gerade zu einer zeit war, als auf den almen beeren reif waren, warum nicht?
    problematisch an dem heutigen müsli (ohne e) boom finde ich zwei dinge: 1. dass, wie du auch schreibst, sehr viel mehr getreide verwendet wird, und zwar nicht nur hafer, sondern vor allem auch weizen, dinkel, sogar roggen usw. und 2. dass es weder lange genug eingeweicht (wäre auch bei hafer sinnvoll) noch gegart (wäre bei allen anderen getreidearten nötig) wird. so verteufelt crunchy auch wird (zu recht, denn es ist fast immer viel zu süß und fett), einen vorteil hat es: das getreide ist durch das backen leichter verdaulich.

  2. Petra Foede says:

    @Katha: Danke für deinen Kommentar. Du hast völlig recht, dass im Alpenraum auch Sterz gegessen wurde oder eben “muas”, und es ist gut, dass du es erwähnst. Ich halte es auch für möglich, dass Bircher-Benner das wusste bzw. das Gericht kannte. Wenn ich mir sein Rezept anschaue, bezweifele ich aber ehrlich gesagt, dass er von einem Sterz oder überhaupt irgendeinem Getreidegericht inspiriert wurde – dafür ist der Getreideanteil bei ihm einfach zu klein. Gerade mal 1 Esslöffel Haferflocken auf 2 bis 3 kleine Äpfel. Ich vermute, dass diese Geschichte mit den Sennern auf der Alm eine echte Legende ist, also eine erfundene Geschichte, die wahrscheinlich nicht auf Bircher-Benner selbst zurückgeht, sondern vermutlich auf seine Kinder und Enkel. (Sein Sohn Ralph hat ein Buch über das Volk der Hunza veröffentlicht, dem ja auch eine ganze Menge angedichtet wird, was extrem hohe Lebenserwartung dank einer bestimmten Ernährung angeht).

  3. Antje Radcke says:

    Danke für den Beitrag – habe ich mit großem Interesse gelesen.
    Neugierig geworden, habe ich mal mein Bircher-Benner-Kochbuch (16. Auflage, 1984) entstaubt und das Kapitel zum Thema Müesli gelesen. Das Buch stammt übrigens von der Tochter, Ruth Kunz-Bircher.
    Darin heißt es, Bircher-Benner habe mit dem Bircher-Müesli “einen alten Brauch seiner Heimat” wieder eingeführt – in “obstreichen Gegenden der Schweiz” sei es “früher Sitte gewesen, kleinere Mahlzeiten, namentlich das Abendessen, einfach aus Obst, Kornmus und Milch bestehen zu lassen, wozu oft noch Nüsse kamen.” Demnach war das Getreide nicht auf Hafer beschränkt, auch das Obst wurde je nach Saisonangebot verwendet.
    Die Hauptmotivation von Bircher-Benner zur “Erfindung” seines Müeslis sei gewesen, den Menschen wieder das Frischobst-Essen schmackhaft zu machen, welches Ende des 19. Jhrds offenbar vollkommen aus der Mode gekommen war – und das auch “den vielen mit geschwächter Kaukraft”.
    Im Rezeptteil des Buchs ist in dem “Originalrezept” die gezuckerte Kondensmilch bereits durch Joghurt plus Honig ersetzt worden. Ruth Kunz-Bircher regt dazu an, dieses Grundrezept zu variieren und verschiedene Obst- und Getreidesorten zu verwenden. Aber das Getreide immer hübsch einweichen!

  4. Petra Foede says:

    @Antje: Danke für deinen interessanten Kommentar. Man staunt ja immer wieder, wie sich “Originalrezepte” im Laufe der Zeit verändern können :) In den 1980er Jahren hat man natürlich keine gezuckerte Kondensmilch als Zutat für ein “gesundes Müsli” angeben wollen, das ist nachvollziehbar.

  5. Mathias says:

    Interessante die Müsli-Geschichte Ich hab ein Rezept von 1942 gefunden. / “Trotz wenig Zeit gut gekocht”/
    “8 Eßlöffel Haferflocken, etwa 1/8 l Milch oder Wasser, 300-500 g frisches Obst oder Möhren, Zucker oder Süßmost oder Fruchtsaft, evtl einige Nüsse”
    Das Obst wird hier “zerkleinert”, die Nüsse sind eine Kann-Zutat. Statt des frischen Obstes wird in diesem Rezept 100 g Backobst empfohlen, das am Vorabend miteingeweicht wird.