Ursprünglich hatte ich vor, etwas zur Geschichte der Hochzeitstorte zu schreiben, aber es hat sich schnell herausgestellt, dass sie bei uns vor dem 20. Jahrhundert eigentlich nur innerhalb des Adels bekannt war, und zumindest auf dem Land kam man bis in die 1960er Jahre hinein noch ohne mehrstöckige Torten aus. Das lag sicher daran, dass es früher in einfacheren Haushalten nicht üblich war, den Kuchen beim Konditor zu bestellen, sondern die Frauen der Familie oder auch des ganzen Dorfes backten selbst für die gesamte Hochzeitsgesellschaft. Im 19. Jahrhundert gab es daher meistens flachen Blechkuchen oder auch Gugelhupf (Napfkuchen), später dann auch Sahnetorten. Aber halt keine echte Hochzeitstorte. (Wobei es Frauen wie Jutta gibt, die so etwas für ihre Kinder tatsächlich selbst backen, mehrstöckig.)
Bildquellennachweis: „Zwei junge Frauen aus Kirchvers auf dem Weg zum Backhaus, nach 1933“, in: Historische Bilddokumente <http://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/bd/id/1-016>
Dafür gab es andere Bräuche. Meine Mutter (aus Nordhessen) musste zum Beispiel nach der kirchlichen Trauung vor ihrem Elternhaus ein leergetrunkenes Schnapsglas schwungvoll rückwärts über die Schulter werfen – die Scherben sollten Glück bringen. Diesen Brauch gab es zumindest in Hessen schon im 19. Jahrhundert. Das Symbol der Jungfräulichkeit war früher übrigens auf dem Land auch nicht der Schleier, der noch nicht zwingend zum (schwarzen) Brautkleid gehörte, sondern das grüne Kränzchen auf dem Kopf der Braut, um das mancherorts die ledigen Frauen der Hochzeitsgesellschaft regelrecht kämpften – erbeutete es eine von ihnen im Ganzen, war sie angeblich die nächste Braut.
Das Wichtigste für die Gäste aber war der Hochzeitsschmaus – ein Festessen außerhalb von Sonn- und Feiertagen, da war jede(r) gern eingeladen. Schwäbische Familien tischten früher Suppe, saure Kutteln, Rindfleisch mit Nudeln, Blut- und Leberwürste, Schweinefleisch mit Sauerkraut, Kalbs- oder Schweinebraten auf, etwa in dieser Reihenfolge, anschließend gab es noch Kuchen. Natürlich konnte das niemand alles essen, doch die Gäste hatten vorgesorgt und „einen Grätten“ mitgebracht, einen Behälter für all das, was sie nicht aufessen konnten, um es mit nach Hause zu nehmen. Die Köchin ging mit einem großen Schöpflöffel von Tisch zu Tisch, um Lob und Trinkgeld einzusammeln.
Eine besonders ausführliche Schilderung, wie man sich eine ländliche Hochzeit Mitte des 19. Jahrhunderts vorstellen kann, gibt Franz Schmidt für Thüringen. Am Morgen der kirchlichen Trauung versammelten sich die Gäste vor dem Gang zur Kirche erst einmal vor dem Hochzeitshaus, um zu frühstücken; aufgetischt wurden Semmelsuppe, Wurst und Kuchen, dazu gab es Branntwein. Braut und Bräutigam löffelten die Suppe gemeinsam aus einer Schüssel. „Die Fleischspeisen sind größtenteils schon Tags vorher gekocht und in gleichmäßige, knochenlose Stücke zerteilt. Dies besorgt ein bäuerlicher ,Koch’ in einer improvisierten Küche, die unter freiem Himmel errichtet ist. Man sieht sehr darauf, ob die Stücken, die fast unversehrt mit nach Hause genommen werden, recht groß und gleichmäßig geteilt sind, damit Niemand zu kurz kommt.“
Der Hochzeitsschmaus
Dann begab man sich in die Kirche. „Der Anzug (= das Kleid) der Braut ist schwarz und faltenreich … das Haupt mit einem scharlachroten, turmähnlichen Kopfputz … geschmückt, der mit einem Rosmarinkranze gekrönt ist.“ Das ist der erwähnte Kranz als Zeichen der Jungfräulichkeit. Nach der Trauung versammelten sich die Gäste im Hochzeitshaus zum Festschmaus, von dem das Brautpaar kaum etwas abbekam; die Braut saß abseits in ihrer „Brautecke“ und der Bräutigam hatte die Gäste zu bedienen. Schöne Sitten! Dafür langen alle anderen ordentlich zu und stecken das, was sie nicht schaffen, in die mitgebrachten Behälter, um für die nächsten Tage noch genug zu haben. „Die Speisen … sind stets dieselben: Rosinbrühe, dicker Reis mit Safran und Rosinen, Hirsenbrei mit Zuckerplätzchen, Schwarzer Pfeffer aus Schweinblut (vermutlich Schwarzsauer), Braten mit gewelktem Obst (= Dörrobst), Kuchen. Dabei geht das Schnapsglas von Mund zu Mund … Zu jedem Gericht wird eine Schüssel mit Fleischstücken gebracht, die nur wenig aufgewärmt sind und auf den einzelnen Tellern aufgehäuft werden … Davon genießt man aber sehr wenig, um 2 – 3 Pfund Fleisch nach Hause bringen zu können, sondern (man) hält sich an die fetten Beigerichte, von denen man überdies dicke ,Fladen’ (namentlich mit Hirsenbrei) im ganzen Dorf herum schickt.“ Nach dem Essen eilten die Gäste erst einmal nach Hause, um ihre „Beute“ in Sicherheit zu bringen, bevor sie sich auf dem Tanzplatz des Dorfes einfanden, wo Kuchen, Bier und Schnaps gereicht wurde, ehe es abends noch einmal einen kleinen Imbiss aus Kuchen, kaltem Fleisch und Käse gab.
Die Schlemmerei wird am zweiten Tag mit dem Frühstück fortgesetzt, dass die Frauen im Haus der Braut und die Männer beim Bräutigam einnehmen: Kuchen, Warmbier und Bratwürste. „Die dabei gereichten Kuchen-Ecken werden unversehrt nach Hause getragen.“ Als Dank empfängt die Braut nun immerhin die Hochzeitsgeschenke, die auf einem Tisch aufgetürmt werden. Nachmittags wird endlich wieder gegessen: Semmelsuppe, Korinthenbrühe, Sauerkraut, Sellerie und frische Wurst. Der dritte Tag unterschied sich von den vorhergehenden vor allem dadurch, dass die Gäste keine „Reste“ mehr einsackten. Ansonsten: „Morgens Warmbier, gegen Mittag Bratwürste und Salat, Nachmittags förmliche Mahlzeit, aber nur mit wenigen, meist sauren Gerichten … Abends Käse und Brot, Mitternacht vielleicht noch Kaffee.“ Und dann gingen die Gäste pappsatt nach Hause und träumten vermutlich schon von der Taufe …












Ach, das ist ja interessant! Wie bin ich doch froh, dass es heuer nur darum ging, eine Torte zu präsentieren statt tagelang Wurst und Fleisch zu sieden, Speisen zu kochen und Unmengen an Gästen zu verköstigen. Warmbier am Morgen.., weia!
Wenn schon Tage zuvor das Fleisch gekocht wurde, wie wurde es aufbewahrt ohne Kühlschrank? Kaufte man Eis oder lagerte man die Gerichte in kühlen Gewölben? Das waren ja Unmengen an Lebensmitteln, die irgendwo verstaut werden mussten.
@Jutta: Ich finde diese alten Berichte auch immer wieder spannend. Du hast auch wirklich Glück, zumindest als Mutter der Braut (beim Bräutigam bin ich mir nicht sicher) wärst du nicht mal mit zur Kirche gegangen, weil du vollauf mit den Vorbereitungen für das Essen anschließend beschäftigt gewesen wärst! Geheiratet wurde auf dem Land früher im Herbst, da war es ja nicht mehr so warm. Ich nehme mal an, dass man die Lebensmittel im Keller kühl aufbewahrt hat; meine Großeltern hatten in den 1950er Jahren noch keinen Kühlschrank.
Im Schwäbischen gab es da noch seit dem 16. Jahrhundert die typische Hochzeitssuppe eine klare Rindfleischbrühe, die mindestens drei Einlagen haben mußte: Flädle, Markklößchen oder Fleischklößchen und Backerbsen (z.B.). Sparsam wie die Schwaben sind, gab und gibt es auch heute noch Hochzeiten, wo die Gäste das Hochzeitsessen selber zahlen müssen und nur die Getränke frei sind… Das vorgekochte Essen wurde in der erstaunlich kühlen Speisekammmer oder im kühlen Keller aufbewahrt. So war es noch bei meiner Konfirmation auf meinem hessischen Dorf…da kochten die Nachbarinnen im Haus meiner Großmutter das Essen…das war auch an Hochzeiten üblich…
I remember reading somewhere that wedding cakes in the states were usually made like fruit cakes. As a matter of fact, I’ll have to look in one of my older cook books for a Bride’s Cake recipe. There’s one for the groom too and I think they both had dried fruit in them.
GREAT post Petra. Now how about the history of Honeymoons, lol…
@Louise: About honeymoon maybe next year …
I read an english book about the history of wedding cakes, but obviously the cakes in Britain and in the States are quite different from german wedding cakes. In fact the english wedding cakes are traditionally rather dry with fruits inside and a hard sugar frosting outside. German cakes are much lighter, often with biscuit and cream, but they were not widely known before World War I
Hmm,
den Bericht zeige ich mal meiner Liebsten! Mal gucken ob wir nicht was für unsere Hochzeit übernehmen können
Denn wir wollen unsere ja auch ein wenig anders gestalten als die üblichen!
LG