Verzaubertes Corned Beef

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Mittlerweile füllen Romane, in denen gekocht wird, in den Buchhandlungen ganze Regalmeter, aber als 1960 Es muss nicht immer Kaviar sein von Johannes Mario Simmel erschien, war das noch etwas völlig Neues. Zumal der Held des Buches hauptberuflich zunächst Banker und dann Geheimagent ist, und jedes Kind weiß, dass Agenten harte Cocktails trinken, die geschüttelt und nicht gerührt werden, am Morgen danach Spiegeleier essen – und grundsätzlich nicht am Herd stehen. Kann sich jemand James Bond mit Küchenschürze vorstellen? Aber Simmel war seiner Zeit offensichtlich voraus, denn er gab seinem Roman den Untertitel „Die tolldreisten Abenteuer und auserlesenen Kochrezepte des Geheimagenten wider Willen Thomas Lieven“ und ließ seinen Held im Laufe der Handlung immer wieder zum Kochlöffel greifen. Und er bestand darauf, die Rezepte der Menüs im Buch zu veröffentlichen.


Die meisten Gerichte Lievens sind Klassiker wie Filet Stroganoff oder Salzburger Nockerln, aber bei seinem Aufenthalt in Baden-Baden, im August 1945, kocht er etwas ganz Merkwürdiges, nämlich „Verzaubertes Corned Beef“. Im Buch arbeitet der Agent zu diesem Zeitpunkt für den französischen Kriegsverbrecher-Suchdienst. Schaut man sich das Rezept genauer an, stellt man fest, dass es sich dabei um getarntes Labskaus handelt, also ein norddeutsches Gericht, das nicht mal im Norden als Gipfel feiner Kochkunst gilt. Wie kam der Österreicher Simmel, der seit 1950 in München lebte, ausgerechnet auf dieses Rezept? Des Rätsels Lösung: Seine Eltern stammten ursprünglich aus Hamburg.

Das ganze Baden-Badener Menü bestand aus drei Gängen: Kräutersuppe – Verzaubertes Corned Beef – Quarkspeise. Die nötigen Zutaten führt ein guter Agent natürlich stets mit sich. Zitat: „Thomas ging auf den Hof hinaus und öffnete den Kofferraum seines Wagens. Mit einem halben Pfund Butter, einer Büchse Sahne, einer Büchse Fleischextrakt und einer Büchse Corned beef kehrte er zurück … Die magere Suppe stärkte er mit Fleischextrakt. Dann öffnete er die Corned-beef-Dose und zerzupfte das Fleisch darin … ‘Mit vereinten Kräften werden wir in Kürze ein prima Mittagessen haben.’“ (Vor dem Krieg hätte eine badische Hausfrau den Büchsen-Agent vermutlich hochkant aus der Küche geworfen, aber es gibt Situationen, da kann man halt nicht wählerisch sein …)


Rezept

Man nehme reichlich Zwiebelringe, dünste sie in Butter glasig, füge den zerzupften Inhalt einer Büchse Corned beef hinzu, lasse einige Minuten weiterschmoren, aber nicht braun braten. – Man gebe dann ein nicht zu festes Kartoffelpüree hinzu, vermische alles gründlich, schmecke mit Salz und Pfeffer gut ab und lasse das Ganze auf kleiner Flamme gut durchziehen und heiß werden lassen.“

aus: Johannes Mario Simmel, Es kann nicht immer Kaviar sein

Nanu, werden manche denken, da fehlt doch was – wo sind die sauren Gurken, die Rote Bete, das Spiegelei? Gehört das nicht zu echtem Labskaus dazu? Nein, eigentlich nicht. Jedenfalls ist davon in alten handgeschriebenen Rezepten von Hamburger Hausfrauen nie die Rede; das Spiegelei ist ein Einfall norddeutscher Profiköche, vermutlich um das nicht besonders ansehnliche Gericht dezent damit zu bedecken … Und saure Gurken gab es für die Matrosen an Bord wohl auch nur ausnahmsweise dazu, von roter Bete habe ich nie etwas gelesen.

Aber man kann es zubereiten wie man will – gut sieht Labskaus nie aus, deshalb passt es ideal in Heikes Kategorie “ugly food”.

 

About Petra Foede

Ich bin Kulturhistorikerin und freie Journalistin. In diesem Blog schreibe ich über die Geschichte von Gerichten, über berühmte Cafés und Restaurants sowie über dies & das aus der kulinarischen Vergangenheit.
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2 Responses to Verzaubertes Corned Beef

  1. Heike says:

    Haha!
    Bin genau jetzt froh, das Buch nicht gelesen zu haben ;)
    Ich nehm dann den Kaviar, wenn’s recht ist…

  2. Petra Foede says:

    @Heike: ist schon recht :)