Was kommt dabei heraus, wenn sich Dutzende Opernsänger in die Küche begeben, um Teig zu kneten, Knödel zu rollen, Gemüse zu schnippeln und Fleisch anzubraten? Na klar, ein Kochbuch. „Die Oper kocht“ heißt es und präsentiert in Wort und Bild die Lieblingsrezepte von 64 internationalen Opernstars, die sich mit Autorin Evelyn Rillé und Fotograf Johannes Ifkovits tatsächlich alle an den Herd begeben haben, um „ihr“ Gericht eigenhändig zuzubereiten. Also jedenfalls ansatzweise, denn im wahren Leben ist der eine oder die andere dort kaum jemals anzutreffen.
Wegen der Rezepte müsste man das Kochbuch sicher nicht unbedingt kaufen oder verschenken, denn es gibt zwangsläufig keinen roten Faden und keinen Schwerpunkt. Neben Pasta und Risotto findet man viele derb-deftige Gerichte, auf gut deutsch Hausmannskost. Aber für Freunde der Oper ist der opulent bebilderte Band auf jeden Fall eine lohnende Investition. Immerhin hat jeder Star ein handsgeschriebenes Rezept in seiner Muttersprache beigesteuert und ein paar Fragen zu den eigenen Ess- und Kochgewohnheiten, Vorlieben und Abneigungen beantwortet. Zwischen den Zeilen lässt sich da ganz gut herauslesen, ob sie oder er wirklich kochen kann oder lieber kochen lässt.
Die bekanntesten „Hobbyköche“ des Buches sind vermutlich Anna Netrebko und José Carreras. Die russische Sängerin ist offensichtlich eine erfahrene Köchin und leidenschaftliche Esserin, die nichts von Diäten hält. Ihr Borschtsch-Rezept stammt von ihrer Großmutter. Der spanische Tenor hat dagegen keine Ahnung vom Kochen, wie er offen zugibt. In der Hotelküche des Sacher versuchte er sich tapfer an Crêpes mit Früchten, obwohl er am liebsten Spaghetti mit Tomaten isst – aber dafür braucht man kein Rezept. Knoblauch und Zwiebeln hasst er, Heißhunger stillt er mit Käse und Crackern. Ansonsten ist er ein sehr disziplinierter Esser, der auf Kalorien achtet und sich vor Auftritten lediglich Suppe und etwas gegrillte Hühnerbrust mit Reis erlaubt.
Der Münchner Tenor Jonas Kaufmann hat seiner Mutter schon als Kind oft in der Küche geholfen und kocht nach eigener Aussage täglich, sogar Nudeln fabriziert er eigenhändig. Seine hausgemachten Bandnudeln mit Kürbis dürften also erprobt sein. Auch die Mailänderin Barbara Frittoli fühlt sich am Herd ausgesprochen wohl und bekocht gerne Kollegen; von ihr gibt es Cassoeula di Milano (Eintopf mit Wurst und Rippchen). Hängengeblieben bin ich beim Blättern noch bei René Pape aus Dresden, der lange Zeit nichts anderes zustande brachte als Pasta mit Knoblauch oder Wiener Würstchen, obwohl sein Vater Profikoch ist. Mittlerweile hat er sein Repertoire erweitert und für „Die Oper kocht“ einen sächsischen Sauerbraten mit Klößen auf den Tisch gebracht. Auch wenn er Rührei mit Speck eigentlich immer noch lieber isst … Vor dem Auftritt schluckt er übrigens ein rohes Ei, um „die Stimme zu ölen“.
Evelyn Rillé/Johannes Ifkovits: Die Oper kocht. Weltstars am Herd: Die Lieblingsrezepte großer Stimmen; Opera Rifko Verlag, Perchtoldsdorf 2010 (29,80 Euro)













Die Übersetzung des Krasnodarsker Borschtsch ist aber seeeehr frei
Daß Carreras als Catalane keinen Knoblauch mag, macht es ihm in der Heimat sicher schwer. Das Buch hört sich interessant an.
@Ralf: Die Übersetzung kann ich leider nicht überprüfen. Bei Carreras kann ich mir vorstellen, dass er eigentlich schon Knoblauch mag, ihn aber mit Rücksicht auf seine Kollegen meidet. Kommt auf der Bühne bei innigen Liebesduetten vermutlich nicht so gut
Fragen über Fragen, aber da bin ich ja hier genau richtig..
Ich selber mag und esse ja keinen Knoblauch und orientiere mich u.a. deshalb auch gerne an alten Rezepten.
Ich wußte zB nicht, dass in den 1920er Jahren in Mailand Knoblauch verpönt war, weshalb sich Einwanderer aus Süditalien über die dortige “langweilige” Küche beschwerten. Ich hab auch wo gelesen, daß man in der Zwischenkriegszeit die Berliner Straßenbahn verlassen musste, wenn man nach Knoblauch roch, die Engländer u. Skandinavier lehnten ihn ab und in Deutschland war er ja auch bis in die 80er Jahre fast unerwünscht. Wie erklärst Du dir diese GEWALTIGE Tendenzwende in Deutschland bzw. warum war er wirklich so geächtet?.. und die für mich wichtigste Frage: Wie kam es Deiner Meinung nach dazu, daß man heute so übertrieben viel davon nimmt ( ein modernes Rezept für einen Wiener Kümmel-Schopfbraten etwa gibt 24!! Zehen an) und er fast überall rein “muß”, ausgenommen (noch nicht) in eine Sahnetorte?
@Mathias: Das sind in der Tat viele Fragen. Sieht so aus, als sollte ich mal einen Artikel über Knoblauch schreiben. So auf die Schnelle habe ich keinerlei Hinweise darauf gefunden, dass in Mailand oder Norditalien allgemein Knoblauch verpönt war, auch nicht in den 20er Jahren. Im 19. Jahrhundert wurde er offensichtlich noch in ganz Italien in Gärten angebaut und gegessen, obwohl Pellegrino Artusi in seinem berühmten Kochbuch erwähnt, dass es Menschen gebe, die den Geruch von Knoblauch verabscheuten. Er selbst schätzte dagegen den Knoblauch-Geschmack. Das Knoblauch-Verbot in Berliner Straßenbahnen war rassistisch motiviert: Knoblauch wurde in Berlin damals eigentlich nur von Juden aus Osteuropa in der Küche verwendet. Es ging also eigentlich gar nicht um Knoblauch; wer nach Zwiebeln roch, musste ja wohl nicht aussteigen. Knoblauch war selbst in der Antike schon wegen seines Geruchs nicht allgemein beliebt, der Dichter Horaz verabscheute ihn. Im Mittelalter wurde er in Deutschland und Österreich angebaut, man schrieb ihm verschiedene medizinische Wirkungen zu, aber in der Neuzeit wurde er von der weniger intensiv riechenden Zwiebel verdrängt. In Niederösterreich wurde er aber auch im 19. Jahrhundert noch angebaut und in der Wiener Küche spielte er durchaus eine wichtige Rolle (“Vanille-Rostbraten”). Die Wende in der Akzeptanz von Knoblauchgeruch dürfte etwas mit dem Tourismus der Nachkriegszeit zu tun haben: Was man im Urlaub gegessen hat, ist eben auf einmal nicht mehr verpönt, sondern wird zuhause nachgekocht. Spanien, Italien und jetzt auch die Türkei sind beliebte Urlaubsländer und überall wird Knoblauch gegessen. Warum man in Wien soviel davon nimmt, weiß ich auch nicht. Aber nach meiner Erfahrung mit einem spanischen Knoblauchhuhn kann ich sagen, dass man schon eine Menge Zehen braucht, wenn das Fleisch wirklich das Aroma annehmen und nicht nur die Küche nach Knoblauch riechen soll.
Ich war heute in der Oper. Besser gesagt im Kino, wo Live aus der MET in NY “Siegfried” von Wagner übertragen wurde. Und die Opernsänger waren Klasse. Da will ich sie sehen.
Es ist Zeitgeist, alles, was gut ist, dadurch zu verhunzen, dass man es ins Private holt.
In meinen Jahren in Spanien (genauer Catalunya) habe ich gelernt, daß Knoblauch quasi fast überall drangehört
Diskussionen über Knoblauch oder den Geruch quittieren die Einheimischen mit Unverständnis. Für sie gehört der einfach dazu. Die chinesischen Restaurants, die wohl überall in der Welt anzutreffen sind, haben sich dort ebenfalls angepaßt: alles knoblauchhaltig. Was anfangs etwas gewöhnungsbedürftig war, wurde für uns schnell selbstverständlich. Nur nicht für die Familien in Deutschland, die beschwerten sich, daß wir aus allen Poren stinken… Bei manchen Gerichten wird nicht in Zehen sondern in Knollen gemessen und manchmal werden die Zehen auch ungepellt zugegeben, nach dem Garen sind sie eh verschwunden.
In jedem Fall ist der Knoblauchkonsum anscheinend weltweit gewaltig in die Höhe gegangen. In ital. oder auch franz. Kochbüchern aus den 80er Jahren wurde auch noch nicht soviel davon genommen wie heute. In modernen Rezeptangaben finden sich auch nicht mehr die Angaben wie “etwas Konblauch”, “Knoblauch nach Geschmack”, früher war da auch in der öst. Küche oft von einer “Spur” oder einer “Zinke” oder einer “Idee” der Knolle die Rede.
haha, ja das buch habe ich auch! das ist toll….