Die englische Küche hat keinen guten Ruf; Ausländer werfen ihr vor allem vor, fade und wenig abwechslungsreich zu sein – und das tun sie schon seit Jahrhunderten. Wobei die Engländer sich im Fall deutscher Kritiker damit trösten können, dass man dasselbe ja auch über unsere Küche sagt – auch schon seit Jahrhunderten …
Zu einer Zeit, als es noch keine Restaurantkritiken gab, waren Reisende vor allem auf ihr Glück und vertrauenswürdige Empfehlungen angewiesen, wenn sie fern von zuhause ihren Hunger stillen wollten. Oder auf Reiseführer wie den Baedeker. Der lobte in seinem London-Guide 1862 immerhin die Qualität der englischen Braten und von Fischen sowie Meeresfrüchten. „Dagegen ist nicht zu läugnen, dass Suppen und Gemüse entschiedene Schattenseiten in der englischen Küche sind.“
Beefsteaks und Plumpudding
Ausgesprochen positiv liest sich die Beschreibung der englischen Küche in einem anonymen Reiseführer von 1854:
„Dann hat man auch in England nicht die alberne Gewohnheit, Ochsen-, Hammel- und Kalbfleisch in kleine Stückchen zu zertheilen …, sondern man bereitet sogleich … einen ganzen Hammelrücken oder eine Ochsenkeule auf einmal zu, und es ist dann das in freier Luft am Spieß gebratene oder in großen Dampfkesseln gekochte Fleisch natürlich schmackhafter und saftiger, als jedes ähnliche Gericht auf dem Continente, Zwar wird derselbe Braten, wenn er nicht bei einer Mahlzeit aufgezehrt wird, den folgenden Tag kalt wieder zum Frühstück, und vielleicht auch zum Mittagessen, aufgetragen; allein es ist doch gewiß besser, daß man einen guten Braten kalt, als einen schlechten warm genießt. Ist nun auch nicht ein Jeder im Stande, sich ein Tafelstück von einem gemästeten Ochsen zu verschaffen …, so kann sich doch ein jeder den Genuß des altenglischen, so allgemein über die ganze Welt verbreiteten Beefsteak ermöglichen … Nach den Steaks spielen die Chops (Cotelettes) die Hauptrolle in der englischen Küche. Die Mutton-chops (Hammelcotelettes) sind die besten, und manche nähren sich nur von ihnen und von dem in England über alle Begriffe guten und schönen Hammelfleische überhaupt. (…)
Noch zweier Nationalgerichte muß ich hier besonders erwähnen … Diese sind, der allen guten Engländern schon von Kindheit an teure Plumpudding, und die von allen bürgerlichen Festen unzertrennliche Turtlesoup (Schildkrötensuppe) … An besonderen Feiertagen, wie z.B. Weihnachten, Ostern, der Königin Geburtstag oder in Militair- und Marineschulen an den Jahrestagen gewonnener Schlachten oder auch bei merkwürdigen Familienanlässen, spielt der Plumpudding eine äußerst wichtige Rolle; denn er ist der unzertrennliche Begleiter des Roastbeef … und es ertönt dann aus den Wohnungen gleichzeitig mit dem „God save the Queen!” und dem „Rule Britannia!” das Lob des Puddings und der Preis des … Roastbeefs.“
Wässriges Gemüse und harte Kartoffeln
Doch während Roastbeef und Hammelkeule in Reiseberichten recht gut wegkamen, fand alles Übrige weitaus weniger Beifall. „Beide Gerichte sind in der Regel vortrefflich … nur möchte man ihnen oft eine bessere Gesellschaft wünschen als die zwei, von Wasser triefenden Kohlblätter und die drei im Kerne fast immer etwas rohen Kartoffeln, die man gewöhnlich dazu erhält“, mäkelte Heinrich Reiser.
“Der Fisch ist stets gesotten und wird nie anders als mit geschmolzener Butter aufgesetzt … Eier findet man auf keinem englischen Mittagstisch, und wenn es deren doch giebt, so sind sie in der Schale, denn das Talent eine Omelette zu machen, gehört nicht zu den Erfordernissen eines englischen Kochs”, moniert ein anderer.
Lassen wir uns jetzt noch kurz von einem deutschen Reisenden erklären, was ein Pudding ist: „Ein englischer Pudding ist ein gefüllter Kloß. Er ist damit gefüllt, wovon er den Namen führt, als Himbeeren-, Johannisbeeren-, Apfel- usw. Pudding. Es ist eine Bombe, wovon der Teig die Schale macht.“ Ob er bei „Bombe“ eher an Kalorien- oder Eisbombe gedacht hat, wissen wir leider nicht.
Auch heute wird ja noch gewitzelt, in England könne man durchaus gut essen – wenn man dreimal am Tag frühstückt. Das Schlusswort soll aber Theodor Fontane haben, der messerscharf erkannte, der größte Fehler der englischen Küche sei wohl der, dass sie nicht so koche wie wir zu essen gewohnt sind.










Ich weiß wirklich nicht, warum sich das Gerücht, die Englische Küche sei schlecht, so hartnäckig hält. Es gibt in England mindestens genauso viel gute (und natürlich schlechte) Restaurants wie hierzulande. Wobei die schlechten Läden relativ einfach zu identifizieren sind. Das sind die, wo die englischen “Allerwelts-Klassiker” Chicken a la King, Chicken Kiev und Mixed Grill auf der Karte stehen. Wenn man um die einen Bogen macht, findet man meiner Erfahrung nach verlässlich gutes Essen.
@Chris: Gerüchte halten sich ja immer hartnäckig. Mir gefällt die moderne englische Küche à la Nigella Lawson oder Jamie Oliver ziemlich gut, da wird Traditionelles mit internationalen Einflüssen kombiniert. Oder Currys, wenn sie (für mich) nicht zu scharf sind. Außerhalb Londons habe ich ehrlich gesagt noch nicht gegessen. – Ich wusste gar nicht, dass Chicken Kiev in England so verbreitet ist, interessant.
Dear Petra,
Als ich in meiner Jugend in England war. Haben meine Gastmütter wirklich grausam gekocht. Nämlich überhaupt nicht. Alles wurde einfach nur im Wasser gar gekocht und dann serviert. Auf dem Tisch standen diverse Gewürze und 357 verschiedene Würzsoßen usw..
Dies hat sich bei mir als Englische Küche eingebrannt. Aber es gibt auch andere Sachen. Ich liebe z. B. ihre verschieden Pies, wie Shepards Pie, Steak and Kidney Pie und noch viele andere. Einfache Gerichte, aber wenn sie gut zubereitet werden einfach wunderbar.
Greatings from
Martin
@Martin: Hmmm, vielleicht hat sich die englische Mittelstandsküche seit dem 19. Jahrhundert doch gar nicht so verändert? Aber in den Restaurants kocht man heute schon anders. Ein Bekannter ist gerade zwei Wochen durch Nordengland gereist und hat sich positiv über die Gastronomie geäußert.