Kulinarische Legenden: Tiramisu

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Kalorienbombe mit acht Buchstaben: Tiramisu. Mascarpone und Zabaione vereint in einem Dessert – so etwas kann nur aus einer Zeit stammen, als Cholesterin noch ein Fremdwort war. Dabei ist es noch gar nicht so alt, bestenfalls aus den 60er Jahren. Nach Deutschland kam es irgendwann Ende der 70er. Für kulinarische Innovationen waren bei uns in der Familie wir Kinder zuständig, und so führten wir nach der Pizza dann auch das Tiramisu ein, nach dem Rezept irgendeiner Zeitschrift; weil es in der Provinz damals noch keinen Mascarpone gab, nahmen wir einfach Quark und Schmand und statt Espresso den guten „Bohnenkaffee“. Das Ergebnis war weit entfernt vom Original, aber wir fanden es toll, so italienisch …

Ein Dessert und (mindestens) zwei Erfinder

Das Original soll aus Treviso bei Venedig stammen. Erfunden wurde es angeblich 1962 im Restaurant „Le Beccherie“ vom damaligen Jungkoch Roberto Linguanotto und das kam so: Weil sich die Inhaberin Alba Campeol nach der Geburt ihres Sohnes sehr schwach fühlte, gab ihr ihre Schwiegermutter ein altes Hausmittel, mit Zucker verquirltes Eigelb, dazu ein paar Löffelbiskuits zum Eintauchen – das kennen wir schlicht als „Zuckerei“ oder auch als „Guggelmuggel“. Als kleines Extra gab sie noch einen Schuss Kaffee hinzu. Die Mixtur verfehlte ihre Wirkung nicht, und Alba war so begeistert, dass sie Linguanotto aufforderte, aus diesen Zutaten ein Dessert zu kreieren. Der Name war auch gleich gefunden: Tirame su heißt übersetzt „Zieh mich hoch“, im Sinne von „Mach mich stark“. Klingt ein bisschen wie die Erfindung der Fettuccine Alfredo. Doch es gibt Zweifel: Das Rezept von „Le Beccherie“ enthielt noch nie Alkohol, also auch keine Zabaione. Außerdem kam Jungkoch Roberto erst 1970 ins Haus.

Tiramisu in "Le Beccherie". Foto: Olivia & Marino via Flickr

Auch der gelernte Konditor Carminantonio Iannaccone will das berühmte Dessert erfunden haben. Er eröffnete 1969 ein Restaurant in Treviso und hat heute eine Bäckerei in Baltimore. Für die Erfindung brauchte er keinen besonderen Anlass – es ist der Beruf eines Konditors, neue Torten zu erfinden, und das war Tiramisu zunächst auch: Die Löffelbiskuits wurden sternförmig angeordnet. Für ihn spricht, dass sein Rezept nicht nur Zabaione und Mascarpone enthält, sondern auch noch eine andere Creme und wesentlich aufwändiger ist als das der Konkurrenz. Aber ob er der wahre Erfinder ist? Der echte hat vermutlich einfach keinen Internetanschluss und keinen PR-Berater …

Trotzdem zum Vergleich hier das „Originalrezept“ von Linguanotto und hier das „Original“ von Iannaccone.

Rezept: Tiramisu mit Erdbeeren

Mein Rezept ist etwas kalorienreduziert, ohne Zabaione, dafür mit frischen Früchten.

Zutaten für 4 bis 6 Portionen: 200 g Mascarpone, 200 g Sahne, 200 g Löffelbiscuits, 250 g Erdbeeren, eine Handvoll Amarettini, 1 P. Vanillezucker, 3 EL Puderzucker, 3 EL Amaretto, 200 ml Espresso, 2 EL Kakaopulver. Zubereitung: Den fertigen Espresso mit dem Amaretto verrühren und in eine Schale füllen. Die Amarettini in einen Gefrierbeutel geben und mit einem Fleischklopfer zerkrümeln. Die Erdbeeren waschen und in kleine Stücke schneiden. Die Sahne mit dem Vanillezucker steif schlagen. Mascarpone mit dem Puderzucker glatt rühren, dann erst die Sahne darunterheben, danach die Erdbeeren. Die Löffelbiscuits kurz in den Espresso tauchen und nebeneinander in eine eckige Form legen. Darauf die Creme geben, darüber die Amarettini-Brösel streuen. Eine weitere Lage Löffelbiskuits einschichten, zuletzt wieder Creme. Mehrere Stunden im Kühlschrank kalt stellen. Kurz vor dem Servieren mit Kakaopulver bestäuben.

Quellen:

About Petra Foede

Ich bin Kulturhistorikerin und freie Journalistin. In diesem Blog schreibe ich über die Geschichte von Gerichten, über berühmte Cafés und Restaurants sowie über dies & das aus der kulinarischen Vergangenheit.
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9 Responses to Kulinarische Legenden: Tiramisu

  1. habe gerade in Italien noch eine Art Schwester oder Bruder des Tirami Su kennengelernt, allerdings den Namen vergessen,hatte etwas von kalter Hundeschnauze mit Mascarpone und Sahne dazwischen und auch in Espresso getunkt, komme nicht auf den Namen, war aber interessant.

  2. Petra Foede says:

    @Bolliskitchen: vielleicht Tartufo? Da kommen zwar eigentlich keine Löffelbiskuits rein, aber wahrscheinlich gibt es da auch viele verschiedene Rezepte

  3. Nachdem wir vor Jahren alle eine schwere Salmonellenvergiftung inklusive Notarztbesuch hatten (von einem Tiramisu, das ein Gast mit zur Geburtstagsfeier brachte), brauche ich hier zuhause niemandem mehr mit Tiramisu kommen. Leider. Beim Stamm-Italiener, dem ich in Punkto Sorgfalt sehr vertraue, gönne ich es mir noch regelmäßig.

  4. Petra Foede says:

    @AT: Mit Salmonellen ist natürlich nicht zu spaßen. Ich hatte da bislang immer Glück. Aber das Salmonellen-Risiko hat man ja nur, wenn man rohes Ei verwendet und mein Rezept ist ausdrücklich OHNE Ei – also ungefährlich. Das ist im Grunde eine Mascarpone-Sahne-Torte.

  5. Louise says:

    I adore Tiramisu! I was actually thinking about making it for Marion for Mother’s Day. She sure could use a “pick-me-up” after this long and wet Spring.

    Your recipe sounds quite interesting Petra. Love the dose of history too!!!

    Thank you so much for sharing…

  6. Bei uns wurde immer die Geschichte erzählt, dass die Tiramisu hier in München erfunden wurde. Eigentlich logisch, da München ja immer gerne die nördlichste Stadt Italiens ist. Ein Italienischer Konditor soll sie nach dieser Legende in den 80er Jahren erfunden haben. Mir gefällt diese Geschichte schon alleine deshalb, weil diesmal kein Wiener dieses Gebäck erfunden haben soll. Und natürlich weil ich Westlich von München wohne. Es kann einfach nur ein Münchner gewesen sein.

    Ciao aus der nördlichsten Stadt Italienes

    Martino

  7. Petra Foede says:

    @Louise: Nice idea to make Tiramisu for Mother’s Day. And my recipe is without egg!
    @”Martino”: Ja, vielleicht muss die Geschichte des Tiramisu ganz neu geschrieben werden, weil das ursprünglich eigentlich ein Wende-Dessert war und “Drah mi umm” (???? Ich kann kein Bayrisch) hieß und die Italiener das dann einfach nicht verstanden und falsch übersetzt haben … :) Die Münchner Erfindung muss aber dringend um 20 Jahre zurückdatiert werden, weil das Dessert schon 1971 in einem italienischen Buch erwähnt wird ;)

  8. Liebe Petra,

    das mit dem Umdatieren ist ja im Prinzip kein Problem. Ende der 60er Jahre ein Münchner Konditor – und der Name war dann “Ziag mi aufe” welcher dann korrekt ins Italienische übertragen wurde, in jenes italienische Buch von 1971. Wobei mir das Wende-Dessert mit der falschen Übersetzung vielleicht doch besser gefällt.

    Es grüßt ein jetzt nachdenklicher

    Martl

  9. chriesi says:

    Ich finde das ‘original’ von Iannaccone einfach himmlisch! Ich zubereite es oft mit selbst gebackenem Löffelbiscuits. Einfach unschlagbar!