Tortellini und der Nabel der Venus

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„Es ist schwer, ein Land zu regieren, in dem es 246 Sorten Käse gibt“, hat Charles de Gaulle mal über Frankreich gesagt. Wer sich fragt, wieso Italien von einer Regierungskrise in die nächste schlittert, sollte mal überlegen, wie viele Sorten Pasta man dort kennt … Ich habe lange gegrübelt, welche am besten zum morgigen Valentinstag passt, dem Tag der Verliebten. Strozzapreti („Priesterwürger“) oder Spaghetti alle puttanesca scheiden da wohl aus. Tortellini haben dagegen schon vor Jahrhunderten die Fantasie romantischer Köche und Dichter beflügelt.

Tortellini nah

Göttlicher Nabel …

In Norditalien beanspruchen mehrere Städte die Erfindung der Tortellini für sich, aber Bologna hat in diesem Chor die kräftigste Stimme. Hier erzählt man, dass Venus und Zeus vor langer Zeit nach Bologna kamen und sich in einem Gasthof als normale Reisende ausgaben. Der Wirt war von der Schönheit der Göttin hingerissen und konnte der Versuchung nicht widerstehen, durchs Schlüsselloch ihres Schlafgemachs zu linsen. Im Kerzenlicht erspähte er ihren Bauchnabel, dessen perfekte Form der Verehrer mit Hilfe von Teig nachzuahmen versuchte. Das Ergebnis seiner Bemühungen waren die Tortellini. Noch heute werden sie in Bologna auch als „heilige Nabel“ (umbilichi sacri) bezeichnet.

Geburt der Venus (Botticelli)

… oder „Liebesknoten“?

Nur eine alberne Männerfantasie und kein bisschen romantisch? Na schön, dann erzähle ich noch eine wirklich zu Herzen gehende Geschichte, die in Valeggio sul mincio bei Verona spielt. Der Ort war Ende des 14. Jahrhunderts Schauplatz einer militärischen Auseinandersetzung, deren Details unwichtig sind. Als ein junger Hauptmann nachts am Fluss Wache hielt, entstiegen diesem geheimnisvolle Wesen – als hässliche Hexen verkleidete Nymphen. Als er sich ihnen näherte, flohen sie, doch eine konnte er am Zipfel ihres Mantels erhaschen. Auf der Stelle verliebte er sich in die unmaskierte wunderschöne Fee Silvia. Doch sie musste vor Sonnenaufgang in den Fluss zurück. Nur ein goldenes Taschentuch mit Knoten ließ sie als Pfand zurück. Jede Nacht kehrte sie zurück, bis sie verraten und als Hexe denunziert wurde. Der verliebte Hauptmann folgte ihr daraufhin auf den Grund des Flusses und ließ am Ufer das geknotete Tuch zurück. Zur Erinnerung an diese tragische Liebe bereiten die Frauen in Valeggio seitdem an hohen Festtagen aus Nudelteig „Liebesknoten“ (nodi d’amore) zu. Seit 1993 feiert der Ort alljährlich im Juni die „Festa del nodo amore“.

Kleine Pasteten

Die reale Geschichte der Tortellini ist etwas weniger märchenhaft. Die Anfänge gefüllter Pasta gehen zurück bis ins Mittelalter, entstanden in den Hofküchen des italienischen Adels. Die Tortellini tauchen zunächst als tortelletti auf, also als „kleine Torten“, womit früher Pasteten gemeint waren. Eines der ältesten Rezepte stammt von Bartolomeo Scappi (um 1500-1577), dem Leibkoch des Papstes. Die Füllung bestand aus gekochtem Pancetta, gekochtem Kuheuter, Parmesan, Ei, Rosinen, Safran, Zucker, Zimt, Nelken und Muskat, um nur die wichtigsten zu nennen. In Modena wurden dann im 17. Jahrhundert aus den tortelletti die Tortellini; der neue Name setzte sich später auch in Bologna durch.

Tortellini

Foto: Algont (Creative Commons)

Bis vor wenigen Jahrzehnten wurden sie immer „in brodo“ gegessen, also als Suppeneinlage. Tortellini und andere gefüllte Pasta waren in der Emilia-Romagna aber keineswegs Alltagsgerichte, die gab es nur an Feiertagen, vor allem zu Weihnachten.

Wer Tortellini gerne selbst machen möchte, findet hier eine Anleitung.

Literatur:

  • Piero Camporesi/Joan Hall: The magic harvest – Food, folklore and society, Cambridge 1993
  • Lynn Rosetto Kasper: The splendid Table. Recipes from Emilia-Romagna, the Heartland of Northern Italian Food, New York 1992
  • Oretta Zanini de Vita: Encyclopedia of Pasta, University of California Press 2009

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About Petra Foede

Ich bin Kulturhistorikerin und freie Journalistin. In diesem Blog schreibe ich über die Geschichte von Gerichten, über berühmte Cafés und Restaurants sowie über dies & das aus der kulinarischen Vergangenheit.
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6 Responses to Tortellini und der Nabel der Venus

  1. Ravenna says:

    Der Blog ist so informativ, herzlichen Dank dafür. Ich habe auf meiner Seite daher meinen Lesern diese Seite in Form des Blogawards aufgezeigt.

    http://ravenna-smakelijk-eten.blogspot.com/2011/02/ein-neuer-blog-award.html

  2. Petra Foede says:

    @Ravenna: Vielen Dank für den Award. In den letzten Wochen sind allerdings alle aktiven Blogs, die ich regelmäßig lese, schon mit Awards bedacht worden, teilweise mehrfach. Ich werde ihn deshalb nicht weitergeben, da einige der Geehrten schon leicht gestöhnt haben angesichts der Flut der Auszeichnungen … Über nette Kommentare freue ich mich aber immer, auch ohne Award ;)

  3. lamiacucina says:

    Die grossen Tortelloni sind ja leicht herzustellen. Aber für die feinen, kleinen brauchts vorher schon einen Blick durchs Schlüsselloch ;-)

  4. Louise says:

    What a perfect choice to share for Valentine’s Day, Petra. who knew there was so much history behind those bundles of love knots.

    Thank you so much for sharing…

  5. Ravenna says:

    @Petra Foede:
    Uff, ich dachte ich sei die einzige die (noch heimlich) stöhnt… Jepp, beim dritten Award werde ich ähnlich reagieren und danke für die nette Vorlage! :-) ) Ich freue mich auf weitere nette und informative Beiträge in diesem Blog. Hier kann man echt was lernen!

  6. Petra Foede says:

    @lamiacucina: Es war auch ganz schön schwierig, frische Tortellini aufzutreiben, während Tortelloni ja zum Standardsortiment jedes Supermarktes gehören
    @Louise: Did you know that yesterday war “tortellini day” in the USA? :)