Das Geheimnis der Muskatzinen

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Muskatzinen – das sind nicht die Angehörigen eines kleinen Nonnenordens, so heißen die Lebkuchen aus dem fränkischen Wallfahrtsort Dettelbach, die Muskat enthalten. Die gibt es zwar das ganze Jahr über, aber geschmacklich passen sie sehr gut in die Weihnachtszeit. Vielleicht hätte ich nie von ihnen erfahren, hätte mich nicht die Freundin des guten Geschmacks auf sie aufmerksam gemacht. Und siehe da, beim Café Kehl, das sich die Markenrechte an den Muskatzinen gesichert hat, kann man sie auch bestellen. Das Rezept ist natürlich geheim. Auch wenn die Zutaten auf der Tüte stehen: Mehl, Zucker, Orangeat, Zitronat, gemahlene Nüsse, Zimt, Muskat, Muskatblüte, Kardamom, Nelken, Eiweiß, Ammonium. Aber danach lässt sich nicht backen.

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Wer hat sie erfunden?

Die Muskatzinen haben eine Geschichte, die in Dettelbach so erzählt wird: Im 19. Jahrhundert dachte sich der Zuckerbäcker Urban Degen ein neues Gebäck für die Wallfahrer aus, in einer ganz neuartigen Form. Die Backformen schnitzte er nach dem Vorbild seiner Krawatte, einer Art Schleife. Es heißt sogar, ihm sei im Traum ein Engel erschienen, der ihm das Rezept verraten haben. Halleluja! Selbst den bayrischen König soll Degen beliefert haben. Kurz vor seinem Tod verriet er sein Geheimrezept dann doch seinen Dettelbacher Kollegen, und so gibt es die Muskatzinen noch heute.

Wie so oft ist auch diese Geschichte mehr Dichtung als Wahrheit. Den Bäcker Urban Degen gab es wirklich, er wurde 1819 in Dettelbach geboren und starb dort 1873 an einem Hirnschlag. (Quelle: Dettelbacher Geschichtsblätter, Nr. 06/2006) Um die Muskatzinen erfinden zu können, wurde er jedoch eindeutig zu spät geboren, und zwar rund 200 Jahre. Selbst sein Urgroßvater Jacob, der 1727 in den Ort kam, scheidet deshalb als Erfinder aus. Seit 1506 gab es eine Wallfahrtskapelle in Dettelbach, die nach einer wundersamen Heilung gebaut wurde, und schon wenig später sollen sich hier Lebküchner niedergelassen haben. Die Muskatzinen waren jedenfalls schon im 17. Jahrhundert bekannt.

Foto: Berthold Werner

Foto: Berthold Werner

Alte Rezepte

Walter Poganietz, der Leiter des Conditorei-Museums in Kitzingen, hat für mich ein Rezept aus dem Vollständigen Nürnbergischen Koch-Buch von 1691 herausgesucht, in dem sie genau beschrieben werden: „Der Model zu diesen Muscatzinen ist gemeiniglich wie zwey mit dem breiten Theil aneinander stossende Jacobs=Muscheln, so sich in der mitten mit einem Bund vereingten, geschnitten.” Das nennt man auch Doppelmuschel, und genau so sehen die Muskatzinen bis heute aus. Diese Erklärung der Form ist auch stimmig, denn schon im Mittelalter war die Jakobsmuschel, die ja eigentlich das Pilgerzeichen des Jakobswegs ist, zum Symbol für eine Wallfahrt schlechthin geworden.

Altadeliges Bayerisches Koch- und Konfektbuch

Altadeliges Bayerisches Koch- und Konfektbuch

In der Oeconomischen Enzyclopädie von Krünitz aus dem Jahr 1805 habe ich ein Rezept gefunden und im Altadeligen Bayerischen Koch- und Konfektbuch von 1837 stehen gleich zwei Anleitungen für „Muskaziny”. Mandeln hat man damals genommen, die wesentlich feiner waren als Nüsse, aber weder Zitronat noch Orangeat, mitunter nicht einmal Mehl. Das Gebäck überschritt offenbar auch die Landesgrenzen, denn wie sonst ließe sich erklären, dass es in der Region Linz in Österreich die „Muskazinerl” und im schweizerischen Winterthur „Muskatzinli” gibt? (Vielleicht können Ortskundige das bestätigen oder dementieren.)

So bleibt Urban Degen vielleicht das Verdienst, ausgesprochen haltbare Muskatzinen entwickelt zu haben, die sich prima versenden und erst durch einen mehrtägigen Aufenthalt in der Keksdose erweichen lassen. Einmal mürbe gemacht, schmecken sie dann schön weihnachtlich-würzig.

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About Petra Foede

Ich bin Kulturhistorikerin und freie Journalistin. In diesem Blog schreibe ich über die Geschichte von Gerichten, über berühmte Cafés und Restaurants sowie über dies & das aus der kulinarischen Vergangenheit.
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7 Responses to Das Geheimnis der Muskatzinen

  1. Eline says:

    Meine Mutter, die die beste Weinhnachstsbaeckerei der Welt hergesetellt hat, hatte ein wahrlich koestliches Gebaeck namens Muskaziner Mandeln in ihren unerschoepflichen Repertoire.
    Dase war eine Art Lebkuchen mit viel Mandeln und Muskat in Mandelform gebacken. Danke fuer diese Ausgrabung!
    Gutes Neues JAhr wuenscht Eline

  2. Von diesem Gebäck habe ich noch niemals gehört! Man lernt doch wirklich nie aus, wie gut, dass es Deinen Blog gibt!

  3. Petra Foede says:

    @Eline und AT: Ich lerne auch ständig dazu, das ist das Schöne. Ein gutes neues Jahr!

  4. Morgrn wird es mein Muskatzinenparfeit geben, natürlich mit dem Originalrezept vom Cafe Achtmann. Das Cafe Kehl hat zwar das Patent, aber nicht das echte Rezept! Glaub mir, die leckersten und bes. die leichten gibt es bei Achtmann.
    Aber schön, dass Du darüber berichtest1

  5. daniela says:

    Schade, dass ich jetzt erst davon lese. Wir sind vor fast 2 Jahren einmal nach Dettelbach gefahren, um im Rest. Himmelstoß zu essen. Hätte ich damals schon von den Muskatzinen gewusst, hätt ich mich bestimmt damit eingedeckt. Sie klingen toll.

  6. Petra Foede says:

    @Freundin des guten Geschmacks: Auf das Rezept bin ich gespannt. Die Muskatzinen aus dem Café Kehl halte ich auch nicht für das “Original”, die alten Rezepte früher waren auf jeden Fall anders. Bei Achtmann kann man die Muskatzinen aber leider nicht bestellen. Wäre interessant zum direkten Vergleich.

  7. Michael Niedermeier says:

    Beim Achtmann kann man bestellen, telefonisch oder per Fax (laut der Muskatzinien-Tüte) Tel.: 09324 1498 Fax: 09324 5307