Auf die Frage „Was essen wir Heiligabend?” gibt es in den meisten Familien nur eine Antwort: „Dasselbe wie immer!” Und das heißt vereinfacht: Die eine Hälfte der Bevölkerung isst Würstchen mit Kartoffelsalat und die andere einen Braten, meistens Gans oder Ente, seltener Karpfen. Wobei das nicht mehr so ganz hinkommt, weil sich in den Siebziger Jahren noch eine dritte Tradition entwickelt hat, nämlich Fondue oder Raclette nach der Bescherung. Oder es gibt wie bei Arthurs Tochter Heringssalat.
Die Weihnachtsgans hat sich eigentlich erst im 19. Jahrhundert so richtig bei uns ausgebreitet. Die Berliner hatten (und haben) dafür eine besondere Vorliebe, vor allem in der Kombination mit Rotkraut und Klößen. Die beliebteste Füllung hieß früher seltsamerweise „Testament” und bestand aus den Innereien der Gans, Äpfeln, Rosinen und Weißbrot. Etwas aus der Mode gekommen ist der Weihnachtskarpfen und der einst beliebte Schweinebraten.
Früher war Schweinefleisch mit Grünkohl das norddeutsche Weihnachtsessen schlechthin, aber auch in Bayern hatte jede Familie ihre „Mettensau”, die so hieß, weil der Braten an Heiligabend erst nach der Christmette angeschnitten wurde, denn der 24. Dezember war für Katholiken noch bis 1966 ein Fastentag. In Schleswig-Holstein aß man auf dem Land lange Zeit Schweinskopf mit Langkohl (Braunkohl), teilweise an beiden Festttagen. Außerdem wurde Milchreis oder ein Mehlbeutel mit Rosinen aufgetischt.
Schwein und Kohl spielten auch in Westfalen zu Weihnachten eine wichtige Rolle. Im Münsterland gab es jahrhundertelang einen halben Schweinskopf, der erst geräuchert und dann gekocht wurde. Manche Hausfrauen legten den „halben Kopf” auch ein paar Tage lang in Essig und Zwiebeln ein. Diese Schweinsköpfe wurden dann nach der Christmette gegessen. Das andere wichtige Weihnachtsessen war gekochter Schinken. Ansonsten gab es an den Feiertagen ein typisches Sonntagsessen: Mettwurst mit Grünkohl oder Sauerkraut. Selbst in ärmeren Familien gab es zu Weihnachten auf jeden Fall Fleisch, auch wenn es nur Mettwurst oder Speck war.
Die Österreicher haben zu Weihnachten offenbar denselben Geschmack wie wir, denn auch bei unseren Nachbarn regiert an den Festtagen die kulinarische Dreifaltigkeit Karpfen – Gans – Würstel. Die Würste spielten gerade auf dem Land früher eine große Rolle, als an Heiligabend noch bis nach der Mette gefastet wurde. In Salzburg gab es traditionell eine „Würstelsuppe” mit Frankfurtern oder auch Weißwürsten, berichtet die Wiener Zeitung.
In Oberösterreich, also rund um Linz, ist gebackener Karpfen ein Klassiker, viele machen am 24. Dezember aber auch Bratwürste mit Kartoffelsalat und Sauerkraut. Ihre Großeltern haben nach der Mette noch „Schnittlsuppe” gegessen, eine Brotsuppe mit Schweinefleisch als Einlage. Im Burgenland gibt es auch Karpfen oder Lachs, oft aber auch „unsere” Weihnachtsgans, mit Rotkraut und Knödeln.
Dieser kleine Streifzug durch verschiedene Regionen ist natürlich unvollständig, viele Landschaften fehlen, aber vielleicht kennen manche Leser noch ein paar traditionelle Weihnachtsgerichte aus ihrer Familie.










Grünkohl ist viel zu lecker, um ihn nur einmal im Jahr zu essen!
Bei Schweinekopf denke ich immer an dieses herzergreifende Kapitel aus “die Asche meiner Mutter”, wie die Kinder an Heilig Abend halb verhungert und komplett verlaust frierend und bettelnd durch die Geschäfte ziehen und vom Metzger aus Abfällen einen Schweine- oder Schafskopf (ich weiß es nicht mehr genau) geschenkt bekommen. In Zeitungspapier gewickelt wurde er unter dem Spott der anderen Kinder und Erwachsenen nach Hause getragen, und in einem Topf mit Wasser gekocht. Ich glaube, sie hatten noch für 5 Personen 2 Kartoffeln dazu.
Gestern habe ich übrigens irgendwo gelesen, der Karpfen würde sich eines Revivals erfreuen, wobei ich diesen eher mit einem Silvesteressen in Verbindung bringe. Aber das ist nur “Hörensagen”.
@AT: Bei Grünkohl erwischst du mich auf dem linken Fuß, den hätte ich noch das erste Mal zu essen
Im Gegensatz zu Sauerkraut, das ich ganz gerne mag. Ich nehme an, das in der Geschichte war ein Schafskopf, so ein Schweinekopf war früher nämlich kein Abfall, das war der Wildschweinkopf der einfachen Leute. Und Wildschweinkopf, das aß der Hochadel zu Weihnachten! Für mich ist Karpfen auch eher ein Silvesteressen, so wie Heringssalat, aber früher wurde der auch zu Weihnachten gegessen und in Berlin tut man das teilweise auch heute noch und in Österreich ja auch.
Bei uns gab’s die Gans mittags am 1. Feiertag. Am 2. Feiertag gab’s mal Rehrücken, Mal Hammelkeule. Ja, Hammel, nicht Lamm. Fanastische Sache, wunderbar. An Heiligabend gab’s… ahem… was wirklich, äh… Feines… ich trau’s mich kaum zu schreiben… Spargel mit Schinken, Rührei und zerlassener Butter. Ja, das Zeugs aus dem Glas aus Formosa!
@Chris: Ja, Spargel zu Weihnachten ist sicher etwas ausgefallen
Aber Konserven waren in den 60er Jahren einfach “modern”, das war halt exklusiver als Würstchen (aus der Dose) mit Kartoffelsalat. Angeblich essen manche ja auch Toast Hawaii an Heiligabend.
Ich glaube, Rehrücken ist auch weit verbreitet in D., in Frankreich gibt es dann meistens Austern vorneweg, und auf jeden fall foie gras und als Dessert, das ist hier Tradition, eine bûche de Noêl ( Biskuitrolle mit Buttercrème).
Bei uns gab es noch nie ein festes Menü, es geht nach Lust & Laune, dieses jahr mache ich ein côte de boeuf und viele Trüffel….
Karpfen (polnisch) ist für mich auch traditionelles Sylvesteressen und Heringssalat auch, schon bei meinem Opa, der ihn immer höchstsselbstpersönlich machte.
Woher Mutter das mit dem Karpfen hatte, weiß ich nicht.
Von Grünkohl zu Weihnachten hab ich noch nichts gehört… wär aber auch nicht mein Ding.
Die Ente gabs immer zum 1. Feiertag bei uns. Inzwischen gibt es sie schon am Heiligabend. Würstchen und Kartoffelalat (da hatten wir ja schon mal ne längere Diskussion drüber) gabs nur in meiner Kindheit am 24.
Liebe Grüße!
@Monika: Karpfen wurde schon im 19. Jahrhundert in Berlin zu Weihnachten oder Silvester gegessen. Das Rezept für Karpfen polnisch kam sicher mit Zuwanderern aus Schlesien und Ostpreußen in die Stadt, da wurde das auch gegessen, außerdem auch in Böhmen.