O’zapft ist! Seit gestern fließt das Bier beim Münchner Oktoberfest wieder in Strömen, und die Touristen können in Dirndl und Lederhosen gewandete Einheimische beim Maßkrug-Stemmen und Schunkeln bestaunen – das also ist German Gemutlichkeit … Auf der Wiesn wird in diesem Jahr ein Jubiliäum gefeiert, das allererste Oktoberfest liegt genau 200 Jahre zurück. Aber das Fest von damals hatte mit der feucht-fröhlichen Gaudi von heute noch nichts zu tun. Die größte Attraktion war ein Pferderennen, es spielte keine Musik, es wurde nicht geschunkelt, ja es gab nicht einmal Bier. Herrschaftszeiten! Wenn es dabei geblieben wäre, dann gäbe es das Oktoberfest sicher schon längst nicht mehr. Aber es blieb nicht dabei.
Jubiläum: 200 Jahre Oktoberfest
Die Geschichte der Wiesn begann mit der Hochzeit von Kronprinz Ludwig, der am 12. Oktober 1810 Prinzessin Therese von Sachsen-Hildburghausen ehelichte. Die Feierlichkeiten dauerten fünf Tage und neben Hofbällen und Empfängen gab es auch öffentliche Belustigungen für das Volk. Eine Abteilung der Nationalgarde veranstaltete zu Ehren des Paares am 17. Oktober ein Pferderennen vor den Toren der Stadt; heute heißt dieses Areal nach der Braut Theresienwiese oder halt kurz Wiesn. Dieses Rennen fand so großen Beifall, dass man es auch in den folgenden Jahren veranstaltete, immer am gleichen Tag, zusammen mit einer Landwirtschaftsschau, weshalb es bald Oktoberfest hieß. Seit 1872 findet es im September statt, einfach weil dann das Wetter besser ist. Der alte Name ist geblieben.
Die Bewirtung war in der Anfangszeit sehr bescheiden, es gab nur ein paar fliegende Händlerinnen, die Obst, Radi und Brezeln verkauften, aber um 1820 wurde schon an zwei Dutzend kleinen Holzbuden Bier ausgeschenkt. Die Wirte lockten „ihr” Publikum mit Attraktionen wie Schiffsschaukeln, Karussells oder Büchsenwerfen an. Die Bierbuden wurden schnell immer größer, weil sich die Leute beim Trinken auch setzen wollten, und Ende des 19. Jahrhunderts waren daraus riesige Zelte geworden. Das war der Beginn der heutigen Wiesn-Gaudi. Die größte Halle war die von Schottenhamel, die 1908 über 8000 Sitzplätze verfügte und damit alle anderen übertrumpfte.
Ein paar Anekdoten
In den großen Zelten wurde gesungen und geschunkelt wie andernorts beim Karneval. Der Nürnberger Wiesnwirt Georg Lang ließ um 1900 das erste Textheft mit Stimmungsliedern extra für das Oktoberfest drucken, und von ihm soll auch das „oans, zwoo, gsuffa” stammen. Ein Prosit der Gemütlichkeit war früher dagegen mal ein Trinklied der Studenten.
Der erste feierliche Einzug eines Wiesn-Wirts war 1879 ein Skandal und hatte ein juristisches Nachspiel. Hans Steyrer (1848-1906) freute sich so, dass es ihm gelungen war, eine der begehrten Ausschanklizenzen zu ergattern, dass er mit seinen Kellnerinnen und Schankburschen in einem Kutschen-Korso samt Blaskapelle durch die Stadt zum Festplatz fuhr – oder fahren wollte. Soweit kam er aber nicht, weil ihn die Polizei unterwegs verhaftete wegen „groben Unfugs” und Störung der öffentlichen Ordnung. Strafte musste Steyrer auch zahlen. Was ihn aber nicht davon abhielt, seinen Umzug ein Jahr später zu wiederholen und sich diesmal auch nicht von der Polizei aufhalten zu lassen. Einzelne Wirte folgten später seinem Beispiel, zur Tradition wurde der gemeinsame Einzug der Wiesn-Wirte aber erst in den 1930er Jahren.
Die jüngste Tradition ist das Anzapfen durch den Münchner Oberbürgermeister. Sie wurde erst 1950 vom damaligen OB Thomas Wimmer eingeführt. Keineswegs zufällig, wie oft erzählt wird, sondern gut vorbereitet und wohl auch geübt. Trotzdem soll der gelernte Schreiner einmal 16 Schläge bis zum erlösenden „O’zapft is!” gebraucht haben. Flotter war Erich Kiesl, der es allerdings fertig brachte, 1981 vor laufenden Kameras nach drei gekonnten Schlägen lautstark „Obatzt is!” ins Mikro zu schmettern. Jo mei, Hauptsache es gibt dann a Maß …
Literatur:
- Florian Dering/Ursula Eymold: Das Oktoberfest 1810 – 2010. Wegen Überfüllung geschlossen, Süddeutsche Zeitung Bibliothek, 2010
- Anne Dreesbach/Michael Kamp: 195 Jahre Oktoberfest. Ein historischer Streifzug, Verlag Garnies, 2005













” die Touristen können in Dirndl und Lederhosen gewandete Einheimische beim Maßkrug-Stemmen und Schunkeln bestaunen”
und die Einheimischen können in Dirndl und Lederhosen
gewandete Touristen (oder was jene dafür halten)
beim Maßkrug-Stemmen und Schunkeln bestaunen.