Erdbeeren Romanow – Dessert vom Zarenhof

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Manche warten monatelang auf den ersten Spargel, ich warte auf die heimischen Erdbeeren. Jetzt sind sie da. Die schlichte Kombination reifer Erdbeeren mit Schlagsahne ist an sich so perfekt, dass sich das Geschmackserlebnis durch weitere Zutaten kaum verbessern lässt. Das hat namhafte Küchenchefs aber nicht davon abgehalten, eigene Erdbeerdesserts zu kreieren. Ein französisch-russischer Klassiker sind die Erdbeeren Romanow, die in Orangenlikör mariniert werden. Dieses Dessert gab es 1961 auch im Weißen Haus bei einem Dinner, das die Kennedys für Fürst Rainier und Gracia Patricia von Monaco gaben.

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Es heißt, dass der legendäre Antoine Carême die Erdbeeren Romanow um 1820 für Zar Alexander I. erfunden hat, dessen Küchenchef er kurze Zeit war. Mehr ist zur Geschichte dieses Desserts eigentlich nicht bekannt, was mir Gelegenheit gibt, etwas über die Tischsitten der Zarenfamilie Romanow zu erzählen. Schon Katharina die Große (1729-1796), die aus Stettin stammte, hatte einen französischen Küchenchef und alle wichtigen russischen Adelsfamilien folgten ihrem Beispiel.

Der Nachtisch ist eine russische Erfindung

Die Küche war in einem separaten Gebäude untergebracht, ein gutes Stück vom Palast in St. Petersburg entfernt, was zur Folge hatte, dass das Essen oft lauwarm serviert wurde. Erst 1902 wurden die Häuser durch einen unterirdischen Tunnel miteinander verbunden. Im 18. Jahrhundert führte die Familie Romanow den so genannten service à la russe ein, bei dem die warmen Gerichte jedes Gangs den Gästen gleich auf dem Teller vorgelegt werden. Bei dem älteren service à la francaise wurden pro Gang zig Schüsseln und Terrinen aufgetragen, die die Diener dann herumreichten. Auch die heute bekannte Reihenfolge der Speisen, mit der Suppe als Auftakt und zum Schluss das Dessert, verdanken wir dem Zarenhof. Beim französischen Service enthielt jeder Gang etwas von allem. So gesehen ist der Nachtisch eine russische Erfindung. Angablich blieb Carême auch deshalb nicht lange in St. Petersburg, weil er ein Meister des Anrichtens à la francaise war und sich mit dem russischen System nicht anfreunden konnte.

Arabischer Speisesaal im Winterpalast

Arabischer Speisesaal im Winterpalast

Unter Zar Nikolaus II. (1868-1918) war das Mittagessen die Hauptmahlzeit des Tages. Den Auftakt bildeten jedoch immer die zakuski, eine Auswahl erlesener Appetithäppchen, die nicht im Speisesaal aufgetragen wurden, sondern in der angrenzenden Halle. Das eigentliche Essen begann zwischen 12 und 13 Uhr und dauerte exakt 50 Minuten, zehn Minuten pro Gang … Zum Auftakt gab es eine Cremesuppe, dann Fisch, gefolgt von Huhn und einem weiteren Fleischgang wie Hammel oder Wild. Sobald der Zar sein Besteck weglegte, war der jeweilige Gang beendet, und die Diener räumten die Teller ab. Es folgten Kompott, Eiscreme und frische Früchte. Den Kaffee mit Konfekt und Kuchen nahm man wieder in der angrenzenden Halle ein.

Zar Nikolaus II. mit Frau und Kindern

Zar Nikolaus II. mit Frau und Kindern

Rezept für Erdbeeren Romanow

Zutaten für 4 Portionen: 500 g reife Erdbeeren, 125 ml Orangenlikör, 125 ml frisch gepresster Orangensaft, 250 ml Schlagsahne, 2 EL Vanille-Zucker (nicht zu verwechseln mit Vanillin-Zucker). Zubereitung: Erdbeeren abspülen, abtropfen lassen, Stängelansätze abschneiden. Erdbeeren in eine größere Schüssel geben, große Erdbeeren vorher in Stücke schneiden, mit dem Likör und dem O-Saft begießen. Mit Folie abdecken und für mindestens drei Stunden in den Kühlschrank stellen; zwischendurch die Erdbeeren ein paarmal vorsichtig wenden. Kurz vor dem Servieren die Sahne schlagen. Damit sie steif wird, muss sie eiskalt sein, am besten kurz ins Gefrierfach legen. Sobald die Sahne dick wird, den Zucker dazugeben, weiterschlagen. In Dessertschalen anrichten.

Aus: Craig Claiborne, Die klassische französische Küche (TIME-LIFE-Serie)

Interessante Links:

Alexanderpalace.org: Dining with the Tsars

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About Petra Foede

Ich bin Kulturhistorikerin und freie Journalistin. In diesem Blog schreibe ich über die Geschichte von Gerichten, über berühmte Cafés und Restaurants sowie über dies & das aus der kulinarischen Vergangenheit.
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2 Responses to Erdbeeren Romanow – Dessert vom Zarenhof

  1. Louise says:

    I too wait for the arrival of the first strawberries. Strawberries Romanoff are simply elegant and one of my favorite delights this time of year.

    Thanks for the taste of history, Petra. That’s a GREAT link you’ve shared. And, thanks for sharing…:)

  2. Petra Foede says:

    Hi Louise! Thanks for visiting my blog. I guess Strawberries Romanoff are more popular in France and in the US than here in Germany.