Es war im Sommer 1853 bei Saratoga Springs, einem noblen Kurort im US-Bundesstaat New York, als ein mäkeliger Gast im Restaurant von Moon’s Lake Lodge seine Portion Bratkartoffeln zurückgehen ließ – viel zu dick geschnitten! Der Koch, George „Crum” Speck, briet dünnere Scheiben, doch auch die wurden zurückgewiesen – immer noch zu dick! Der erboste Küchenchef schnitt die Kartoffeln daraufhin in hauchdünne Scheibchen, um den Gast zu ärgern. Zu seiner Überraschung war der von den Knusperscheiben aber total begeistert. Die Saratoga Chips von Crum wurden zur Spezialität des Hauses.
Dichtung oder Wahrheit?
Das ist natürlich eine Anekdote, die man nicht für „God’s own truth” halten sollte, wie die Amerikaner so sagen. Es spricht viel dafür, dass Saratoga der Geburtsort der Kartoffelchips ist, die damals wie Bratkartoffeln warm gegessen wurden. Sie wurden seit den 1870er Jahren in Kochbüchern und Zeitungsartikeln Saratoga potatoes genannt. Das Datum der Erfindung stimmt aber sicher nicht, denn 1853 war die allererste Saison von Moon’s Sommerresidenz. Wie sieht es mit dem Rest der Geschichte aus?
George Speck (1822-1914), der Sohn eines farbigen Jockeys und einer Indianerin, war in späteren Jahren ein stadtbekanntes Original. Crum war eigentlich der Spitzname seines Vaters (von crump für Krümel). Zusammen mit seiner älteren Schwester Catherine Speck Weeks arbeitete er angeblich bei Moon in der Küche. Historiker halten eher Kate für die Erfinderin der Kartoffelchips als George, auch wenn dieser um 1860 ein eigenes Lokal am Saratoga Lake eröffnete. Jedenfalls wurde Catherine 1917 in einem Nachruf entsprechend gewürdigt (Washington Post: „Saratoga Chip Inventor dies”). Crum hat vermutlich nie in Moon’s Lake Lodge gearbeitet und mit dem Kochen erst in seinem eigenen Lake House angefangen, wobei ein Verwandter sein Vorbild war. Seine Spezialitäten waren Fisch und Wild. Und weil er als Eigenbrötler keine anderen Köche beschäftigte, mussten die Gäste bei ihm oft sehr lange auf ihr Essen warten. Als Erfinder der Kartoffelchips wurde er vor 1930 nie bezeichnet.
Die dünnsten Bratkartoffeln der Welt
Die Spur führt also in Moon’s Lake House, über das ein Reiseführer 1872 schreibt: „Die Wildgerichte sind gut, die Preise sind hoch und die Bratkartoffeln (fried potatoes) sind in der ganzen Welt bekannt. Sie zu kopieren ist nirgends gelungen.” Das dürfte übertrieben sein, denn sowohl Bratkartoffeln als auch Pommes frites (french fried potatoes) waren zu dieser Zeit in den USA allgemein verbreitet. So gesehen war die Erfindung der Chips nur eine Frage der Zeit oder des Zufalls. Möglicherweise waren sie von Anfang an ein Snack zum Mitnehmen, denn im Restaurant wollte damals wohl niemand mit den Fingern essen, und aufgabeln lassen sich die Dinger nun mal nicht. In dem erwähnten Reiseführer heißt es jedenfalls, die Chips „are done up in papers and sold like confectionery”. Die englischen Chips wurden früher ja auch in Zeitungspapier verkauft.
Bis zur Massenproduktion von Kartoffelchips dauerte es noch etwas. Einer der ersten, der ab 1895 Lebensmittelläden damit belieferte, war William Tappendon in Cleveland. Weil es noch keine geeignete Verpackung gab, wurden die Chips täglich frisch ausgeliefert und verkauft; sie konnten auch nicht über weite Strecken transportiert werden. Bald gab es im Norden der USA Dutzende kleine Familienbetriebe. In den 1920er Jahren wurde die Kartoffelschälmaschine erfunden, viel wichtiger aber war 1926 Laura Scudders Idee, die Chips in Tüten aus Wachspapier zu stecken, die mit einem Bügeleisen luftdicht versiegelt wurden.
Bis 1921 gab es Kartoffelchips nur in den USA, dann wurden sie in England eingeführt. Nach Deutschland kamen sie erst 1951 – als Snack für die amerikanischen Soldaten. Bis zu dieser Zeit wurden die Chips übrigens immer ungewürzt verkauft, salzen musste man sie zuhause dann selbst. Erst in den Fünfziger Jahren gelang es dem irischen Hersteller Tayto, den Kartoffelscheiben mit Gewürzmischungen Geschmack zu verleihen. Seine Chips-Sorten „Käse und Zwiebeln” sowie „Salz und Essig” waren damals eine kleine Sensation.
Quellen:
- Dirk E. Burhans: Crunch! A History of the great American Potato Chip, University of Wisconsin, 2008
- R.F. Dearborn: Saratoga and how to see it, Saratoga 1872
- Atlas of Popular Culture in the Northeastern United States: Potato Chips
- Barrypopik.com: Saratoga Potato
- Months of edible celebrations: Happy Potato Chip Day
- Webseite von Saratoga Springs: Potato Chips











Ha! Schön, dass du das so ausgiebig erzählst.
Ich hab im Kochbuch von 1900, von Anna Halm mal ein Rezept entdeckt, das ich erst nach dreimaligem Lesen als Kartoffelchips identifizierte…
An den Namen kann ich mich jezt nicht erinnern, aber es waren wohl die Saragota -Kartoffeln. *glühbirne*
Es schien also in Deutschland auch Chips ab 1900 gegeben zu haben, wenn die fleißige Hausfrau es wollte… ich nehme an, das Anna-Halm-Buch ist relativ verbreitet gewesen…
Wir machen ab und zu mal Chips selber, wenn man es richtig mit Waschen und Trocknen der Scheiben macht, kann das echt Arbeit werden und sie sind schneller gegessen als gemacht…
Dann habe/hatte ich ein Reprint von “100 Kartoffelrezepten” (Tante Luises Kartoffelbuch oder so) auch so die zeit tippe ich mal, da waren sie (soweit ich mich erinnern kann) NICHT drin.
Das mit dem selber salzen kenne ich nur von meinem Mann, der das noch aus seiner Kindheit (in Schottland) kennt.
*hups* “Saratoga” nicht Saragota
@Monika: Freut mich, dass dir auch längere Geschichten gefallen. Ich habe den Verdacht, dass vielen meine Texte einfach zu lang sind. Aber wenn mich etwas interessiert, dann beschäftige ich mich halt gerne ausführlich damit. Oberflächliche Info-Häppchen findet man bei google ja schon genug. Das mit den Saratoga-Kartoffeln in alten deutschen Kochbüchern ist interessant, da habe ich noch gar nicht nachgesehen (Anna Halm habe ich auch nicht). Bei Henriette Davidis gab es jedenfalls nur Bratkartoffeln.
Wenn du magst, werd ich mal das Rezept einscannen und dir schicken, wenn ich das Buch mal wieder finde (sind grad am Umräumen *seufz*)
Ja ich lese gerne ausführliche Geschichten, wenn mich das Thema interessiert…
Leider finde ich sehr wenig über einige meiner Themen (Mittelalter, Renaissance, Barock etc. in unterschiedlichen Regionen u. was davon bis jetzt wie “überlebt” hat)…
Deine historischen Themen find ich allgemein interessant und gut gemacht !
Weiter so! Ich geb auch immer gern meinen Senf dazu
Ehrlich gesagt, habe ich mich noch nie gefragt, wer wohl die Chips erfunden hat. Komisch…wie eigentlich bei vielen Dingen, die man heute ganz selbstverständlich verspeist.
Ich lese übrigens auch gern deine Geschichten, auch wenn ich nur selten kommentiere ;o)
@Monika: Das Rezept würde mich interessieren, also wenn du das Buch wiederfindest …
@Suse: Es ist schon ganz schön, wenn ab und zu mal jemand was sagt, damit ich weiß, dass noch Leser da sind
Hi Petra! You have done one heck of a job digging into the history of the potato chip. Incredible information and food for thought:)
I had forgotten about Laura Scudder’s innovative idea. I’m so glad you reminded me. I hope to do a post about her on my other blog one day.
Thank you so much for sharing my link and this tasty post. I absolutely understand the need to sometimes go on and on with detail and facts. I’ve been trimming my posts for the warm weather but will return to more in depth posts when the weather cools down.
So you think I should write shorter in summer? I will think about it
Bei Davidis gibt es nicht nur Bratkartoffeln, sondern auch Kartoffelscheiben, dünn geschnittene Kartoffeln in Butter und Schmalz gebacken
@Jahreszeiten: Ja, das Rezept kenne ich, das steht schon in der 1. Auflage von 1848. Aber die Scheiben werden mit Schmalz oder Speck gebraten und dann in einer Tasse Wasser gar gedünstet, wobei das Wenden der Kartoffelscheiben als nicht unbedingt nötig angesehen wird. Das Ergebnis war sicher nicht knusprig, sondern eher weich. Ich sehe das als Variante von Bratkartoffeln an.