Süße Legende: Sizilianische Cassata

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Beim Stichwort Cassata fällt mir als erstes das Eis ein, das ich als Kind in der italienischen Eisdiele so gern gegessen habe. Und das es dort heute nicht mehr gibt, leider. Die echte Cassata ist aber kein Eis, sondern eine Schichttorte mit Ricotta-Füllung, die üppig mit Marzipan, kandierten Früchten und Zuckerguss dekoriert wird. Ein Meisterwerk sizilianischer Konditoren, das gern zu Hochzeiten und Geburtstagen bestellt wird. Angeblich geht das Rezept auf die Araber zurück und wurde in mittelalterlichen Nonnenklöstern verfeinert. Damit hätten die Sizilianer die älteste Quarktorte der Geschichte.

Foto: paolovalde

Foto: paolovalde

Wie arabisch ist eine Käsetorte?

Die Araber eroberten Sizilien im 9. Jahrhundert und beherrschten die Insel rund 200 Jahre lang, bis sie von den Normannen vertrieben wurden. In dieser Zeit müsste die Cassata also entstanden sein. Den Name leiten einige Sprachforscher von dem arabischen Wort q’asat für Schüssel ab. Andere halten dagegen das Sizilianische casu für Käse für den Ursprung. Dass eine Torte mit Marzipan und kandierten Früchten etwas mit dem Orient zu tun haben könnte, erscheint erst mal gar nicht so abwegig, nur – so sah sie früher überhaupt nicht aus.

Die Anhänger der Orient-Theorie verweisen gern auf ein arabisches Rezept aus dem 10. Jahrhundert für ein Gebäck namens kac’k, eine Art Krapfen, der mit Honig und Rosenwasser getränkt wurde. Aber wo bitte ist da die Ähnlichkeit? Ohne Ricotta keine Cassata, und die arabische Küche kennt keinen Käsekuchen. Erwähnt wird die sizilianische Cassata erstmals im 14. Jahrhundert im Wörterbuch eines sizilianischen Abts, der sie als torta bezeichnet, was damals Pastete hieß, ein Gericht „ex pasta panis et caseus compositus” (aus Brotteig und Käse). Zur selben Zeit taucht ein Pastetenrezept mit Käse und Eiern als casciata in einem toskanischen Kochbuch auf.

Käsekuchen zu Ostern

Im 16. Jahrhundert ist cassata dann ein spezielles Ostergebäck, das die Nonnen in der Karwoche mit solchem Eifer zubereiteten, dass sie darüber die Gebete (und das Fasten?) vergaßen, was 1574 ein offizielles Backverbot in dieser Woche zur Folge hatte.

Ostern und Kloster sind wichtige Stichworte, die uns auf die echte Spur der modernen Cassata bringen, die nichts anderes ist als eine dekorierte Käsetorte. Und Käsekuchen wurden früher in mehreren Ländern zum Osterfest gebacken, auch bei uns. Damit wurde das Ende der Fastenzeit gefeiert. In der russisch-orthodoxen Kirche hat sich diese Tradition bis heute gehalten, der russische Quarkkuchen heißt paskha. Und nicht weit von Sizilien entfernt, in Neapel, gibt es eine Ostertorte mit Ricotta, die Pastiera napolitana heißt. Die Cassata ist also ein christlicher Osterkuchen, der früher auch gebacken wurde und sicher so ähnlich aussah wie die Pastiera. Sehr interessant ist, dass es in Neapel auch ein herzhaftes Osterbrot mit Ricotta und Eiern gibt, das casatiello heißt, von caso für Käse. Also wenn da nicht die Verwandtschaft grüßen lässt …

Martorana-Früchte. Foto: Dedda71

Martorana-Früchte. Foto: Dedda71

Es mag sein, dass man die Cassata in den sizilianischen Klöstern schon im 16. Jahrhundert mit Marzipan verfeinerte. Die bekannten Martorana-Früchte aus Marzipan wurden schon im 14. Jahrhundert von Nonnen in Palermo hergestellt. Die heutige Ricotta-Schichttorte gibt es aber erst seit etwa 150 Jahren und soll die Erfindung des Konditors Salvatore Guli sein, der sie 1873 bei der Weltausstellung in Wien präsentierte. Seine Spezialität waren kandierte Früchte, deshalb überhäufte er die Torte regelrecht damit. Und erst seitdem sieht die Cassata „orientalisch” aus.

Falls sich jemand an der Herstellung versuchen möchte, hier ist ein Rezept aus dem Buch Zu Tisch in Sizilien von Doris Blum/Jean Pierre König (zum Vergrößern anklicken):

cassata-rezept

Mehr zum Thema: Die Geschichte des Käsekuchens

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About Petra Foede

Ich bin Kulturhistorikerin und freie Journalistin. In diesem Blog schreibe ich über die Geschichte von Gerichten, über berühmte Cafés und Restaurants sowie über dies & das aus der kulinarischen Vergangenheit.
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5 Responses to Süße Legende: Sizilianische Cassata

  1. Evi says:

    Cassata-Eis mochte ich auch sehr gerne früher. Das scheint leider nicht nur in deiner Eisdiele in Vergessenheit geraten zu sein. Hier tummeln sich vornehmlich “kreative” Sorten wie Schlumpf-Eis oder ähnliches in vielen der Eisdielen.

    Danke für die Hintergrundgeschichte und das Rezept! Bei Zeit- und Nervenüberfluss wird das mal ausprobiert. :)

  2. Mirea says:

    Mmmhmm.. Cassata ist wirklich unglaublich lecker, besonders die von meinem Schwiegerpapa. Da ist die Marzipanschicht auch nicht gar so dick. Trotzdem, nach einem 5-Gänge-Menü quält man sich auch damit. Aber gerne ;)

  3. Das war sehr schoen zu lesen, denn ich bin ein ganz grosser Cassata Fan. (Nicht vom Eis:-) Und als ich das erste Mal in Sizilien war wollte ich natuerlich sofort mein Stueck vor Ort. Es war sehr, sehr schwer da dran zu kommen, denn es war Juli und Cassata “dauert” nur von September bis April.

  4. Petra Foede says:

    @Jutta: Die echte Cassata kenne ich leider nur vom Hörensagen, denn hier in Deutschland gibt es sie wohl überhaupt nicht, jedenfalls habe ich sie noch nirgends gesichtet :( Aber dass es sie in Sizilien im Hochsommer auch nicht gibt, ist schon verständlich, bei der Hitze wird eine Ricotta-Torte ungekühlt natürlich ganz schnell schlecht.

  5. Barbara says:

    Mir geht es wie Euch – das Eis wird leider nicht mehr produziert, seitdem die Neffen die Eisdiele übernommen haben, ich fand es nämlich auch klasse.

    Danke für den Exkurs in die Geschichte der echten sizilianischen Cassata, die ich auch noch nie gegessen habe. Irgendwann muss ich mal länger nach Sizilien – zwischen September und April. :-)