Retro-Küche: Experimente mit Hering
Posted by Petra Foede on 15 Feb 2010 | Tagged as: Rezepte
Helau und Alaaf liebe Närrinnen und Narrhalesen - wer sich am heutigen Rosenmontag damit angesprochen fühlt (alle anderen überlesen es bitte einfach). Ich wohne in einer Karnevalshochburg und komme an diesem Thema zwangsläufig nicht vorbei. Schon seit Donnerstag („Schwerdonnerstag”) ist das öffentliche Leben hier nahezu lahm gelegt, die Behörden machen nur noch Notdienst, und die Fußgängerzone ist trotz Schnee zur Schunkelzone mutiert. Selbst die Kassiererinnen bei Rewe tragen lustige Hütchen.
Da in einem derart närrischen Umfeld an seriöse kulinarische Forschung nicht zu denken ist, habe ich mich diesmal unter dem Motto Retro-Küche kleinen Partygerichten aus den Fünfziger Jahren gewidmet, deren Nachahmung ich nur bedingt nicht empfehlen kann.
Das erste Rezept stammt aus einem Hausfrauenratgeber von 1958 und trägt den Titel Sauerkrautsalat mit Fischmarinade. Die Anleitung ist simpel: „Eine Dose Fischkonserve zerdrückt man und mischt eine Handvoll rohes, ausgedrücktes, zartes Sauerkraut darunter. Dann fügt man noch etwas Salz und ganz wenig Zucker sowie den nötigen Essig daran; Öl ist nicht notwendig, da der Fisch sämig genug ist. Der feine Geschmack dieser Speise wird ganz besonders überraschen.” Soso. „Fischkonserve” - ginge es auch etwas konkreter? Da Bismarck- und Matjeshering sich meinen Versuchen, sie zu zerdrücken, hartnäckig widersetzten, habe ich dann doch eingedosten Hering in Tomatensauce genommen. Hier das Ergebnis:
Hinweis: Man sollte bei dieser „Speise” keine angenehmen Überraschungen erwarten. Sie schmeckt wie ein verhunzter Sauerkrautsalat, um die Wahrheit zu sagen.
Kommen wir nun zu einem Rezept aus einem Sonderheft der Zeitschrift Constanze, ebenfalls von 1958, das sicher keinen Vergleich mit Kreationen à la Wilmenrod zu scheuen braucht, auch wenn es schlicht Matjes-Cocktail heißt: „4 Matjesfilets gründlich säubern, wässern und eine Nacht in einem Aufguß von schwarzem Tee ziehen lassen. 6 bis 8 Champignons in wenig Butter und Zitrone weich dünsten. Aus 125 g Mayonnaise, etwas Sahne, je einem Eßlöffel Weinbrand und Tomatenketchup eine dickliche Soße rühren, mit Pfeffer, geriebenem Meerrettich, ein paar Tropfen Zitrone abschmecken. Hering, Champignons und 3 Scheiben Ananas würfeln, mischen und in Cocktailgläser schichten, mit der Soße übergießen, mit Zitronenrädchen, Kaviar und Tomatenketchup-Tupfen verzieren.” - Die gewagte Kombination der Aromen verheißt … ähm … sagen wir mal: Außergewöhnliches.
Die Anweisungen habe ich tapfer befolgt, abgesehen von Meerrettich (mag ich nicht) und Kaviar - der wäre bei diesem „Gericht” wirklich verschwendet. Nun also der Geschmackstest. Die Sauce schmeckt nicht schlecht, wenn auch etwas mächtig. Zögerlich taste ich mich zu den Feststoffen vor … Ananas und Pilze … Der Matjes schmeckt nicht mehr nach Matjes, das steht fest. Eher wie … Aubergine mit Fischgeschmack? Nicht gut jedenfalls! Als Getränk zu diesem Cocktail passt eindeutig etwas Hochprozentiges. Zum Runterspülen. Merke: Eine Flasche Schnaps sollte man in der experimentellen Retro-Küche immer vorrätig haben.
13 Comments »









Das ist einfach herrlich. Und die Bilder bitte direkt zu Tastespotting hochladen. Helau
I find this post rather amusing, Petra. I have hundreds of these kinds of advertising booklets and magazines. Not one in another language besides English. It’s truly amazing how unappealing some of the recipes can be. Yours however, doesn’t look as bad or sound as bad as some I’ve seen.
I noticed the Heinz ketchup bottle on the table in the first picture. It made me giggle:)
Thank you so much for sharing. Dare I say, enjoy Carnival!!!
Na, das klingt mir aber nach kulinarischer Archäologie… zum ersten Rezept hätte ich geglaubt, dass die Fischkonserve damals eine Dose Ölsardinen gewesen wäre.
Abgesehen davon, schmeckt das auch bestimmt nicht grad herzerwärmend… Ölsardine mit Sauerkraut… und dann och mit Essig rein. Als ob das Kraut meist nicht sauer genug ist.
Ich nehme an es schmeckt genauso lecker wie es aussieht
Das andere Rezept ist auch abenteuerlich, Matjes mit süß ist ja ganz lecker, wenns Preiselbeeren etc sind… aber Dosenananas? mmm :-/
Ich bewundere deinen Mut, das so eisern (bis auf den Meerrettich) nachgebastelt zu haben.
Einige der alten Rezepte sind ja kleine Schätzchen, aber andere eher ein Abenteuer…
Ein Ausflug in die Geschmacksgeschichte
@Louise: oh really - you have hundreds of old recipe booklets? That’s amazing, I’m a little bit jealous about that
If you have time (not right now) it would be great if you could scan some of these “amazing” recipes with pics for me - I’m planning a little collection of strange recipes 
Und Matjes mit süß ist vermutlich gar nicht so mein Ding, und dann noch eingelegt in schwarzen Tee *brrr* Aber es ist halt wirklich ein Ausflug in die Geschmacksgeschichte. Rezepte mit exotischen Früchten waren in den Fünfziger Jahren total in, in dem Constanze-Heft gibt es noch mehr davon.
@Monika: Ja das wird es sein - vermutlich sind Ölsardinen gemeint, darauf bin ich nicht gekommen … Aber ob die Sardinen das Rezept rausgerissen hätten? Ich glaube eher nicht
Jaja die fünfziger, die Annanässer und die Pfirsiche…kein Kommentar.
Der schwarze Tee… DEN fand ich wirklich eigenartig im Rezept… der Rest war na ja…
Ja das mit dem süß und salzig ist nicht jedermanns Sache. Ich mags jetzt, aber als Kind konnt ich’s nicht ausstehen. War ja in der Renaissance und im Barock noch recht normal. Jetzt find ich diese alten Rezepte äußerst interessant.
die englischsprachegen Rezepte würden mich auch sehr interessieren… ich hab auch ein Faible für sowas.
Leider gab ich vor einiger Zeit eine (deutsche) 1960er Zeitschrift in diesr Art weg… hätt ich dir sonst gern vererbt.
Aber ich hab ja noch Anna Halm’s Kochbuch von 1900 und die hat auch eigenartige Rezepte
Die Sardinen hätten nichts rausreißen können denk ich mal. Die Mischung ist… *emmm* eigenwürdig.
Ich finde es einfach faszinierend, was in anderen Kulturen und Zeiten als lecker oder bääh angesehen wird…
kennst du das ethnische Kochbuch mit dem hübbschen Namen “Gebratener Papageientaucher und andere Rezepte” oder ähnlich?
Das lese ich alle paar Jahre wieder voller Faszination… *schluck*
besonders das mit “wie man einen Erdofen im heimischen Garten macht” und das “pfeifende Steak”…
@Monika: Du hast dieses Buch mit dem “gebratenen Papageientaucher”? Das gibt es ja nur noch antiquarisch, ich habe es mal sehr teuer gesehen und auf den Kauf verzichtet. Aber das stelle ich mir schon interessant vor, wenn auch nicht als Anleitung zum Nachkochen
Ja, das hab ich seit vielleicht… sinds inzwischen 25 Jahren oder mehr. Das Buch ist äußerst lesenswert, denk ich.
dass es das nach so vielen Jahren nur noch antuquarisch gibt, glaub ich. Einiges kann man wohl gut nachkochen… aber garantiert nicht alles (wenistens als normaler Mensch
) …aber dass es teuer (= begehrt) ist…
Übrigens sind auch mittelalterliche europäische Rezepte drin und andere die man wagen kann nachzukochen, nicht nur “wie man einen Fisch in ein Kokosblatt einwickelt und in den Ofen steckt” (und dabei die Küche ruiniert)… alles recht humorvoll beschreiben denk ich.
Es ist wohl wahrhaft sicherer für die Ausstattung (und für den Magen), wenn man die 50er Jahre Heftchen zum Nachkochen benutzt… aber interessant ist das Buch allemal!
Das ist tollkühn, hätt ich mich nicht getraut, noch nicht mal am Rosenmontag…
Hallo Petra, du tapfere Forscherin in kulinarischen Dingen. Danke für den herzlichen Lachanfall beim Lesen - wische mir gerade die Lachtränen weg. Nur gut, dass mein Herings-Experiment damals wirklich lecker war. *noch immer vor sich hin giggel*
Ja, was tut man nicht alles im Dienste der Wissenschaft
Nachdem ich mich vom Hering erholt habe, plane ich unerschrocken bereits ein weiteres Retro-Küchenexperiment für den 1. April
Uh…. ich ahne schreckliche Dinge (und bin natürlich gespannt). Wünsche jedenfalls viel Erfolg und einen starken Magen!
sehr spannend, Nachkochen will ich lieber nicht
Das Papageientaucher-Buch gibts gerade antiquarisch, gar nicht mal so teuer. Am besten findet man antiquarische bücher über “daistesja.de”
Schöne Grüße, Tine
Danke für den Tipp. Ich weiß jetzt aber, warum ich das Buch früher wohl nur vereinzelt gesehen habe: Der Titel heißt nämlich eigentlich “Gebratener Papageitaucher”, und wenn ich danach suche, scheint es gar nicht mal so selten zu sein und auch nicht so teuer.