Chili con carne
Posted by Petra Foede on 19 Jan 2010 | Tagged as: Rezepte, USA
Kann sich jemand daran erinnern, wann die Chili con carne-Welle bei uns anfing? Es muss so Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger Jahre gewesen sein. Plötzlich köchelten in allen Studentenbuden Töpfe mit Hackfleisch und roten Bohnen vor sich hin, auf Partys gab es nachts statt Gulaschsuppe auf einmal Chili con carne. Echt mexikanisch. Dachten wir jedenfalls.
Dabei wollen die Mexikaner von diesem Eintopf namens „Chili mit Fleisch” gar nichts wissen und bestreiten heftig, ihn erfunden zu haben. In einem mexikanischen Lexikon wird er 1959 unfreundlich als abscheuliches Gericht bezeichnet, das mexikanisch daherkomme, aber nur in den USA gegessen werde. In Texas kann man dagegen von Chili con carne gar nicht genug kriegen und hat es 1977 zum offiziellen State Dish (Nationalgericht) erklärt.
Wie bei vielen Gerichten lässt sich auch die Entstehung von „Chili” nicht eindeutig klären. Gemunkelt wird vieles, Indianer, spanische Missionare und texanische Gefängnisküchen werden ins Spiel gebracht, aber das sind Anekdoten. Goldsucher und Cowboys sollen im 19. Jahrhundert Trockenfleisch, Fett, Salz und getrocknete Chilischoten zermörsert und in Ziegelform gepresst haben, um diese „Chili-Briketts” unterwegs mit heißem Wasser aufzukochen.
Die Chili Queens
Die heißeste Spur führt nach San Antonio in Südtexas, 1718 unweit der mexikanischen Grenze gegründet. Die Stadt war geprägt durch Militär und Rinderzucht sowie eine multinationale Bevölkerung mit einem hohen Anteil Latinos. Während des amerikanischen Bürgerkriegs (1861-1865) begannen farbenfroh gekleidete Chili Queens , nach Anbruch der Dunkelheit auf dem Marktplatz eine scharfe rote Brühe mit Einlage zu verkaufen, die sie Chili nannten. Sie kochten zuhause, luden ihre großen Töpfe auf Handwagen und hielten sie auf dem Platz über offenem Feuer warm. Das Essen der Chili Queens war scharf und billig, außer Chili gab es auch Tortillas, Tamales und Enchiladas. Ihre Kunden waren Soldaten, Cowboys, Ledige und nach dem Bau des Bahnhofs 1877 zunehmend auch Touristen. Im Morgengrauen zogen sie ab, dann kamen die Obst- und Gemüsehändler. Später hatten sie auch tagsüber ihre Stände.
Der Bohnenstreit
Die große Streitfrage: Gehören in Chili con carne Bohnen rein oder nicht? In Texas sind Bohnen verpönt, bei den Cook-offs (Kochwettbewerben) der Chili Appreciation Society sind sie verboten. Ein Fall von Zensur in der Küche?! Bei solchen Gerichten ist die Suche nach dem Original sowieso müßig, jede Chili Queen hatte sicher ihr eigenes Rezept. Und schon der Name „Chili mit Fleisch” macht ja deutlich, dass es auch „Chili ohne Fleisch” gab, also mit einer anderen Einlage. Das konnten auch Bohnen sein. Das älteste bekannte Rezept in Mrs. Owen’s Cook Book von 1880 enthält gewürfeltes Rindfleisch und wird mit braunen Bohnen (frijoles) serviert (nachzulesen hier).
Rezept aus Cincinnati
Es gibt unzählige Rezepte, auch im Internet, deshalb hier ein ziemlich ausgefallenes aus Cincinnati, einer Stadt mit 200 Chili Parlors, wie die auf Chili con carne spezialisierten Lokale heißen. Zutaten für 4-6 Personen: 1 kg Rinderhack, 1 Zwiebel, 2-3 Knoblauchzehen, 1 große Dose Tomaten (800 ml), ½ l Kaffee, 3 zerstoßene getrocknete Chilischoten, ½ TL Piment, 2 TL gemahlener Kreuzkümmel, 1 TL Zimt, 1 Prise geriebener Ingwer, 2 Lorbeerblätter, 5 Gewürznelken, 1 Riegel herbe Schokolade (20 g), 1 EL Worcestershiresauce, 1 EL Apfelessig, evtl. Tabasco. - Zubereitung: In einem Topf Öl erhitzen und das Hackfleisch darin anbraten, gewürfelte Zwiebel und gehackten Knoblauch zugeben, 5 Minuten mitbraten. Die zerkleinerten Tomaten samt Saft hinzufügen. Den Kaffee zugießen und alles zum Kochen bringen. Nacheinander alle Gewürze und die Schokolade zugeben und mit den anderen Zutaten vermischen. Gut 30 Minuten köcheln, evtl. etwas Wasser auffüllen. Mit Salz und Pfeffer abschmecken. Serviert wird dieses Chili üblicherweise mit Spaghetti.
Aus: Lisa Shoemaker, Amerikanisch kochen. Gerichte und ihre Geschichte, Göttingen 2009
Interessante Links:
- Wikipedia-Artikel zu Chili con carne
- Eat Drink Michael Woman: Chili con carne von Tim Mälzer
- What’s cooking America: History and Legends of Chili con carne
- Gherkins & Tomatoes: Chili days are a’comin
12 Comments »






Schöner post, tolles Rezept und interssante Links - Danke! Ich glaub, es ist mal wieder an der Zeit für´n Chili…
Ich persönlich glaube ja an den Ursprung in der Gefängnisküche. Würde jedenfalls zu meinen Internats-Küchenerlebnissen passen. Da gab es donnerstags so etwas Ähnliches, in dem sich Vieles der Woche wiederfand. Was natürlich so nicht stimmte, aber für viele schöne Geschichten auf den Internatfluren sorgte
Genannt wurde das damals nicht Chili con Carne, sondern Chronik der Woche.
Ich plädiere allerdings für jede Menge Bohnen und Schärfe und bitte das Fleisch in kleinen Stücken. Auf Studentenparties aßen wir es so: kleine (Müsli)Schale, auf den Boden derselben Kartoffelchips. Fanni! Niemals Chio! Dann eine Lage geschmacksneutraler Eisbergsalat. Dann das Chili obenauf. Dazu Bier. Igendwann natürlich “Corona”, dass “selbstverständlich” nur mit dem Zitronenstück gereicht werden durfte. Und nur die Deppen stippten die Zitrone dann in die Flasche hinein. Also ehrlich!
Ja, ich war auch erstaunt, als ich das mal hörte, dass das Chili con carne eigentlich texanische Küche ist. Und dass man das eigentlich mit kleinen Fleischwürfeln macht und nicht mit Hack. Jetzt mach ich es immer halb/halb, halb Fleischwürfel, halb Hackfleisch und es ist wirklich extrem gut, auch die Schokolade kommt bei mir rein, aber eben nix mexikanisch. Überhaupt glaub ich, dass wir viel mehr Südstaatenküche essen, wenn wir mexikanisch meinen.
Wie immer hier interessant zu lesen. Hoffentlich liest keiner von der Convenience-Branche Deinen Artikel und fängt mit der Produktion von “Chili-Briketts” an.
@Claus: Scharfes wärmt auf jeden Fall schön von innen
Was Schärfe angeht, bin ich ein echtes Weichei, insofern sind Chili-Gerichte für mich natürlich immer etwas problematisch. Ich weiß übrigens nicht, warum ich deine Kommentare neuerdings immer erst freischalten muss, wie bei Erstkommentaren, du hast auch kein Identikon mehr *grübel*
@AT: Ja, so ist das mit einmal eingeführten Ritualen, die dürfen dann auf keinen Fall verändert werden, schon gar nicht von Uneingeweihten, die keine Ahnung haben
@Ellja: Man spricht ja von Tex-Mex-Küche, da vermischen sich schon verschiedene Einflüsse. Und die Mexikaner tun wohl auch nur so, als hätte Chili con carne mit ihrer Küche gar nichts zu tun, dabei kochen sie natürlich mit Chili, auch Fleisch. Nur dieses spezielle Gericht, vor allem in der verbreiteten Version mit Hackfleisch, das ist so sicher nicht mexikanisch. Aber das was die “mexikanischen Restaurants” bei uns so anbieten, das ist eigentlich alles Tex-Mex, von Tacos bis zu Nachos.
@lamiacucina: Chili con carne in Brikettform, zum Aufgießen mit heißem Wasser, ich sehe es schon vor mir *schauder*
So viel, was wir als landestypisch aus fernen Ecken kennen, gibt es gar nicht so im Lande… (Viele Curries, chinesisches etc ist erst für Europäer oder fern der Heimat entstanden)
Texmex und latino in US werden schon schnell “das” Chili kreiert haben, das macht Sinn, so wie auch der “Chilibrick”. In Mexiko gab es bestimmt auch “schrafes Fleisch”, aber eben nicht so.
Viele Indianer hatten ja ihr Pemmikan, das getrocknete Fleisch, das war ja bestimmt bedingt bekannt und das ist eine andere Version davon mit mexikanischen Einflüssen und da die Europäer wohl das Fleisch nicht unbedingt trocken kauen wollten, kochten sie das Zeug einfach auf.
Schon ist eine leckere Suppe entstanden oder ein Eintopf. Und da Bohnen auch aus dieser geografischen Ecke stammen, werden sie schon früher oder später bestimmt im Chili gelandet sein.
Zum Ziegel: Mein Mann verwendete jahrelang für das schnelle Curry zwischendurch die japanischen Soßen, die es in “Schokoladentafelform” gibt, die nannten wir immer Curryschokolade….
aber jetzt kochen wir lieber mediterran :))
Wir machen Chili immer als Staffel: (Rezept von einem amerikanischen Freund mit Latinohintergrund) zuerst nur Fleisch und Polenta (wichtig!), dann am nächsten Tag rote Bohnen in den Rest, dann wieder am nächsten Tag angebratene Pilze und dann wieder… hmmm, meist haben wir dann genug… Dazu gibt es Toastbrot zum Löffeln und/oder Tacochips.
Genaueres weiss ich nicht, denn mein Mann kochts immer.
Ne Weile machten wir es auch ab und zu vegetarisch als “Chili con Körner”, sehr lecker, braucht aber viel weniger chili zum scharf sein…
gut gewürzte Grüße,
Monika
@Monika: Bohnen gehörten genau so wie Rindfleisch (wegen der Rinderherden) in Texas früher nun mal zu den Grundnahrungsmitteln. Heute möchten die Texaner davon wohl einfach deshalb nichts mehr wissen, weil Bohnen das Image eines Arme-Leute-Essens haben. Im Prinzip ist Chili con carne ja auch so was Ähnliches wie Rindsgulasch, in Ungarn nahm man zum Schärfen Paprika, in Texas Chili (mehr zur Geschichte von Gulasch in meiner Rezeptforschung). Und auch die Cincinnati-Variante mit Spaghetti ist bei einigem Nachdenken gar nicht so schräg, wie sie mir zuerst vorkam. Es gibt da von der Zubereitung nämlich eine gewisse Ähnlichkeit mit Ragu bolognese, das wir ja auch mit Hackfleisch und Spaghetti machen. Die Grundidee dahinter ist wohl überall ähnlich, die Unterschiede liegen vor allem an den Gewürzen und an den Beilagen. Das nur so als Brainstorming.
jaja, das Arme-Leute-Essen… was einige später als Spezialität zelebrieren und andere verdrängen…Klar gibt es viele ähnliche Gerichte aus anderen Ecke n der Welt…
aber red mal mit einem Bolongnesen über sein ragú… die haben genau so viele unterschiedliche Versionen hier, aber dort gibts nur eine”echte”… die ganz anders als die hier bekannte ist, aber bestimmt oberlecker (leider nie probiert) die ja längst nicht “so viel” drin haben wie wir… recht minimalistisch und sehr lange geschmort.
Gulasch müsst ich mal mehr lesen, als ich hab… deinen Artikel zum Beispiel als erstes
Hab grad mal in deinen Text gesehen… interessant!
Mal eine kleine Sache am Rande:
Ich hab aus den 50ern ein wiener/österreichisches Kochbuch von meiner Mutter, da verwenden sie auch immer den für mich erheiternden Ausdruck der “nudlig geschnittenen Zwiebeln”, meist als “feinnudlig” oder “grobnudelig” *gacker*
Weisst du, woher dieser Ausdruck kommt?
Oder was es genau bedeutet…? Nudlige Zwiebeln *grübel* lässt viel für meine Fantasie offen
Das wäre eine Frage für die österreichischen Food-Blogger, ich komme ja aus Hessen. Ich kenne diesen Ausdruck aus alten süddeutschen und österreichischen Kochbüchern, weiß aber auch nicht, was er genau bedeutet.
Hallo, mein erster Post hier, habe die Seite gerade entdeckt und bin hellauf begeistert weil ich vor kurzem mein Interesse an kulinarischer Kulturgeschichte entdeckt habe…
Ich erinnere mich an ein kleines Büchlein über mexikanische Küche das ich mal reduziert gekauft habe (von GU?)…darin folgt nach einer zornigen Philippika gegen Chili con Carne das Rezept für ein Carne con Chile, das mich an ein groß geschnittenes Gulasch erinnert hat (natürlich schärfer gewürzt!). Kann jetzt aber leider nicht nachlesen, das Buch liegt in München und ich hock in Berlin
@Patrik: Freut mich, dass dir meine Seite gefällt. Vom Ursprung her ist Chili con carne auch so etwas wie Gulasch, nur eigentlich eher kleiner gewürfelt, die Hackfleisch-Versionen sind neueren Datums. Das GU-Kochbuch habe ich nicht, aber vielleicht hat es ja zufällig jemand anders. Das Rezept auf der Seite von Gherkin & Tomatoes, die ich verlinkt habe, geht aber auch in diese Richtung (ist halt auf Englisch).