Kann sich jemand daran erinnern, wann die Chili con carne-Welle bei uns anfing? Es muss so Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger Jahre gewesen sein. Plötzlich köchelten in allen Studentenbuden Töpfe mit Hackfleisch und roten Bohnen vor sich hin, auf Partys gab es nachts statt Gulaschsuppe auf einmal Chili con carne. Echt mexikanisch. Dachten wir jedenfalls.

Dabei wollen die Mexikaner von diesem Eintopf namens „Chili mit Fleisch” gar nichts wissen und bestreiten heftig, ihn erfunden zu haben. In einem mexikanischen Lexikon wird er 1959 unfreundlich als abscheuliches Gericht bezeichnet, das mexikanisch daherkomme, aber nur in den USA gegessen werde. In Texas kann man dagegen von Chili con carne gar nicht genug kriegen und hat es 1977 zum offiziellen State Dish (Nationalgericht) erklärt.

Foto: JaBB

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Wie bei vielen Gerichten lässt sich auch die Entstehung von „Chili” nicht eindeutig klären. Gemunkelt wird vieles, Indianer, spanische Missionare und texanische Gefängnisküchen werden ins Spiel gebracht, aber das sind Anekdoten. Goldsucher und Cowboys sollen im 19. Jahrhundert Trockenfleisch, Fett, Salz und getrocknete Chilischoten zermörsert und in Ziegelform gepresst haben, um diese „Chili-Briketts” unterwegs mit heißem Wasser aufzukochen.

Die Chili Queens

Die heißeste Spur führt nach San Antonio in Südtexas, 1718 unweit der mexikanischen Grenze gegründet. Die Stadt war geprägt durch Militär und Rinderzucht sowie eine multinationale Bevölkerung mit einem hohen Anteil Latinos. Während des amerikanischen Bürgerkriegs (1861-1865) begannen farbenfroh gekleidete Chili Queens , nach Anbruch der Dunkelheit auf dem Marktplatz eine scharfe rote Brühe mit Einlage zu verkaufen, die sie Chili nannten. Sie kochten zuhause, luden ihre großen Töpfe auf Handwagen und hielten sie auf dem Platz über offenem Feuer warm. Das Essen der Chili Queens war scharf und billig, außer Chili gab es auch Tortillas, Tamales und Enchiladas. Ihre Kunden waren Soldaten, Cowboys, Ledige und nach dem Bau des Bahnhofs 1877 zunehmend auch Touristen. Im Morgengrauen zogen sie ab, dann kamen die Obst- und Gemüsehändler. Später hatten sie auch tagsüber ihre Stände.

Chili-Stände in San Antonio um 1900

Chili-Stände in San Antonio um 1900

Chili Queen 1902

Chili Queen 1902

Der Bohnenstreit

Die große Streitfrage: Gehören in Chili con carne Bohnen rein oder nicht? In Texas sind Bohnen verpönt, bei den Cook-offs (Kochwettbewerben) der Chili Appreciation Society sind sie verboten. Ein Fall von Zensur in der Küche?! Bei solchen Gerichten ist die Suche nach dem Original sowieso müßig, jede Chili Queen hatte sicher ihr eigenes Rezept. Und schon der Name „Chili mit Fleisch” macht ja deutlich, dass es auch „Chili ohne Fleisch” gab, also mit einer anderen Einlage. Das konnten auch Bohnen sein. Das älteste bekannte Rezept in Mrs. Owen’s Cook Book von 1880 enthält gewürfeltes Rindfleisch und wird mit braunen Bohnen (frijoles) serviert (nachzulesen hier).

Rezept aus Cincinnati

Es gibt unzählige Rezepte, auch im Internet, deshalb hier ein ziemlich ausgefallenes aus Cincinnati, einer Stadt mit 200 Chili Parlors, wie die auf Chili con carne spezialisierten Lokale heißen. Zutaten für 4-6 Personen: 1 kg Rinderhack, 1 Zwiebel, 2-3 Knoblauchzehen, 1 große Dose Tomaten (800 ml), ½ l Kaffee, 3 zerstoßene getrocknete Chilischoten, ½ TL Piment, 2 TL gemahlener Kreuzkümmel, 1 TL Zimt, 1 Prise geriebener Ingwer, 2 Lorbeerblätter, 5 Gewürznelken, 1 Riegel herbe Schokolade (20 g), 1 EL Worcestershiresauce, 1 EL Apfelessig, evtl. Tabasco. - Zubereitung: In einem Topf Öl erhitzen und das Hackfleisch darin anbraten, gewürfelte Zwiebel und gehackten Knoblauch zugeben, 5 Minuten mitbraten. Die zerkleinerten Tomaten samt Saft hinzufügen. Den Kaffee zugießen und alles zum Kochen bringen. Nacheinander alle Gewürze und die Schokolade zugeben und mit den anderen Zutaten vermischen. Gut 30 Minuten köcheln, evtl. etwas Wasser auffüllen. Mit Salz und Pfeffer abschmecken. Serviert wird dieses Chili üblicherweise mit Spaghetti.

Aus: Lisa Shoemaker, Amerikanisch kochen. Gerichte und ihre Geschichte, Göttingen 2009

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