Heiligabend bei Buddenbrooks
Posted by Petra Foede on 22 Dez 2009 | Tagged as: Deutschland, Rezepte
Es gibt viele Weihnachtsszenen in der Literatur, aber kaum jemand hat ein Menü an Heiligabend so detailliert geschildert wie Thomas Mann in seinem Roman über die Buddenbrooks, eine Lübecker Kaufmannsfamilie des 19. Jahrhunderts. Der Schriftsteller, der 1875 in Lübeck geboren wurde, hat für dieses Epos Personen seiner eigenen Familie als Vorbilder genommen.
Wir befinden uns jetzt gedanklich um 1870 in einer wohlhabenden hanseatischen Familie. „Schon war der große Saal geheimnisvoll verschlossen, schon waren Marzipan und Braune Kuchen auf den Tisch gekommen, schon war es Weihnacht draußen in der Stadt … In den Schaufenstern prangten die Weihnachtsausstellungen … Und wo man ging, atmete man mit dem Duft der zum Kauf gebotenen Tannenbäumchen das Aroma des Festes ein.”
Die Bescherung und das Essen richtet die alte Konsulin Buddenbrook an Heiligabend in großem Stil für die gesamte Familie aus. Deshalb erhält Enkel Hanno die Geschenke seiner Eltern schon verfrüht am 23. Dezember, in einer Art Vorfeier. Einen Tag später versammelt sich die Verwandtschaft am späten Nachmittag wie jedes Jahr im Stammhaus. Zunächst die Bescherung im großen Saal. Der Tannenbaum ist geschmückt mit Lametta und großen weißen Lilien, die Spitze bildet eine Engelsfigur - das war offenbar der Geschmack der Zeit. Obwohl die Familie evangelisch ist, ist auch noch eine Krippe aufgebaut.
Nach der Verteilung der Gaben gibt es Tee, Plätzchen, Marzipan und Mandelcreme. Und dann folgen noch Weingelée und Plumcake, ein englischer Früchtekuchen. Das Abendessen nehmen die Buddenbrooks ganz vornehm erst um 21 Uhr ein, wenn die kleineren Kinder schon im Bett sind. Der erste Gang besteht aus Karpfen in Butter. Sollte Thomas Mann die Suppe unterschlagen haben? Es folgt ein Truthahn, gefüllt mit Kastanien, Rosinen und Äpfeln; als Beilage gibt es gebratene Kartoffeln, zweierlei Gemüse und zweierlei Kompott - typisch norddeutsch. Und dann der krönende Abschluss: mit dreierlei Eiscreme gefüllte Baisers und Waffeln. Vermutlich brauchte nicht nur der kleine Hanno nach diesem üppigen Mahl beim Zubettgehen ein Glas mit kohlensaurem Natron, um den Magen zu beruhigen.
Hier ein altes Rezept für gefüllte Baisers, auch Meringues genannt (zu ihrer Geschichte gibt es ein Kapitel in meinem Buch), so wie man sie wohl damals auch im Hause Buddenbrook gemacht hat:
Den sehr steif geschlagenen Schnee von 10 Eiweiß vermischt man mit 500 Gramm sehr feinem Zucker, setzt die Masse in runden Häufchen von der Grüße einer kleinen Apfelhälfte auf ein mit Backpapier ausgelegtes Blech, stäubt feinen Zucker darüber und bäckt sie bei schwacher Hitze gelblich, löst dann die Baisers behutsam von dem Papier, nimmt die noch weiche Masse aus dem Innern derselben mit einem Löffel heraus, lässt die Schalen umgedreht noch ein wenig trocknen und verwahrt sie an einem warmen Ort. Vor dem Servieren füllt man die Schalen mit geschlagener Sahne und setzt sie zu je zwei und zwei zusammen. Man kann die Baisers auch statt mit Sahne mit Gefrorenem füllen.
Quelle: Sophie Wilhelmine Scheibler, Allgemeines deutsches Kochbuch für alle Stände, 29. Auflage, Leipzig 1884
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