Alle Jahre wieder Würstchen mit Kartoffelsalat?
Posted by Petra Foede on 18 Dez 2009 | Tagged as: Deutschland, Kulturgeschichte
Warum gibt es in vielen deutschen Familien an Heiligabend ausgerechnet Würstchen mit Kartoffelsalat? Diese Frage stellte Monika vorgestern in ihrem Blog Wurstologie und rannte damit bei mir offene Türen ein, denn das habe ich mich auch schon oft gefragt. In meiner Familie gab es diese Kombination auch immer am 24. Dezember, allerdings mittags - abends kam dann was Gebratenes auf den Tisch. Die angeheiratete Verwandtschaft besteht aber auf Kartoffelsalat/Würstchen zur Bescherung. Und damit gehört sie zur Mehrheit, denn etwa ein Drittel der Deutschen schließt sich dieser Meinung bei repräsentativen Umfragen an. Gans oder Fondue essen an diesem Tag nicht mal halb so viele.
Seltsamerweise hat sich noch kein Historiker ernsthaft mit der Frage befasst, warum dieses Gericht derart populär ist, denn die Erklärung „es geht schnell, da hat die Hausfrau Zeit, die Bescherung vorzubereiten” ist mir zu oberflächlich. Kartoffeln mit Spiegelei würden ja auch schnell gehen. Also warum Kartoffelsalat, warum Würstchen? Und wie alt ist diese Tradition überhaupt? Zur Geschichte des Kartoffelsalats habe ich hier schon etwas geschrieben; er dürfte bei uns seit dem 17. Jahrhundert bekannt sein. Da gab es die Frankfurter Brühwürstchen alias Wiener außerhalb Frankfurts aber noch nicht, sie wurden erst im 19. Jahrhundert überregional exportiert, übrigens auch nach Wien, und nur deshalb heißen sie dort bis heute Frankfurter (mehr dazu in meinem Buch).
Der gesamte Advent inklusive Heiligabend war früher eine kirchlich vorgeschriebene Fastenzeit, die erst mit der Christmette um Mitternacht endete. Während die Reformation kollektive Fastenregeln für Protestanten schon im 16. Jahrhundert aufhob, war der 24. Dezember für Katholiken noch bis 1966 ein fleischloser Tag. Jedenfalls offiziell. Folglich müssen die Würstchen an Heiligabend evangelisch sein. Das norddeutsche Bürgertum aß im 19. Jahrhundert nach der Bescherung allerdings ein mehrgängiges Menü mit Fisch und Braten.
Verbreitet vor allem in Mittel- und Ostdeutschland
Meine Theorie ist, dass die einfache Bevölkerung in Nord- Mittel- und Ostdeutschland am Heiligabend statt teurem Karpfen zunächst Heringssalat aß, der dann durch den “feineren” Kartoffelsalat abgelöst wurde. Im Gegensatz zu Pell- und Bratkartoffeln war das früher eine Festspeise, die vielerorts bei Hochzeiten aufgetischt wurde. Auch die Frankfurter Würstchen waren mal etwas Feines; sie wurden in erstklassigen Hotels als Imbiss serviert. Um „schnell und einfach” ging es bei dieser Mahlzeit also überhaupt nicht, im Gegenteil.
Nach meiner (zugegeben kurzen) Recherche wird bzw. wurde in diesen Regionen am 24. Dezember traditionell Wurst gegessen, wobei die Liste keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt:
- Baden-Württemberg: Kartoffelsalat und Bockwurst
- Bayrischer Wald: Bratwurst mit Sauerkraut und Brot
- Berlin: Würstchen und Kartoffelsalat
- Franken: Blaue Zipfel und Kartoffelsalat
- Frankfurt: Würstchen mit Kartoffelsalat
- Nordhessen: Würstchen mit Kartoffelsalat
- Oberlausitz: Bratwurst mit Kartoffelbrei
- Österreich: Bratwürstel mit Erdäpfelschmarrn und Sauerkraut
- Ostpreußen: Kartoffelsalat und Würstchen
- Sachsen: Würstchen mit Kartoffelsalat
- Thüringen: Bratwurst mit Brot oder Würstchen mit Kartoffelsalat
- Weserbergland: Kartoffelsalat und Bockwurst
Es wäre schön, wenn es zu diesem Artikel ein paar Kommentare gäbe, vielleicht Ergänzungen zu bestimmten Regionen, eigene Erfahrungen oder einfach Meinungen.
24 Comments »




Also ich gebe mal meinen “Senf” dazu, höhö.
Ich bin in der Oberlausitz aufgewachsen. Bei uns im Haus (mein Vater stammte allerdings von der Ostsee, bzw. seine Eltern aus Sachsen und Sachsen-Anhalt) gab es weder Kartoffelsalat mit Würstchen noch die hier aufgeführten Bratwurst mit Kartoffelbrei, sondern weiße Linsen mit gebratenen Würstchen und Tomatensauce. Kann aber auch eine Erfindung meiner Eltern gewesen sein. Bei meiner Oberlausitzer Großmutter gab es jedenfalls bereits an Heiligabend Weihnachtsgans oder Karpfen, bei meinem Oberlausitzer Exfreund eindeutig Kartoffelsalat mit Würstchen und hartgekochten Eiern. Seit meine Großeltern von der Ostsee mit ihrem mitteldeutschen Hintergrund dann anfingen, mit uns gemeinsam zu feiern, gab es auch bei uns dann Kartoffelsalat mit Würstchen, bzw. zusätzlich die von meinem Bruder eingeforderten traditionellen Linsen. In der Oberlausitz kenne ich jetzt allerdings niemanden mit Bratwurst/Kartoffelbrei-Tradition, aber ich müsste mal rumfragen, gibt bestimmt auch den einen oder anderen
Bei den Eltern eines anderen Exfreundes aus NRW gabs übrigens dann schon immer “richtiges” Essen, also z.B. Lachs oder Fondue.
Dieses Jahr verbringe ich Weihnachten in Süditalien, da gibt es sowohl an Heiligabend als auch an den Feiertägen mehrgängige Festmahle - Kartoffelsalat und Würstchen muss ich dann wohl im Januar nachholen
Ich wohne in Schleswig-Holstein und in unserer Familie hat es noch nie an Heilig Abend Kartoffel-Salat und Würstchen gegeben. Da gab es immer Pastete mit Ragout-Fin, aber unser Land ist ja von vielen Küchen beeinflusst
danke für die interessanten Kommentare. @Mirea: Die Angabe zur Oberlausitz habe ich einer Internetseite entnommen, aber immerhin scheinen Würste in irgendeiner Form doch eine Rolle zu spielen. Der Kartoffelbrei ist womöglich gar nicht allgemein verbreitet an Heiligabend. Vielleicht meldet sich ja noch jemand aus der Gegend. @Ulrike: Der deutsche Norden scheint bei Würstchen mit Kartoffelsalat in der Tat nicht mitzumachen, den Eindruck habe ich bei meiner Recherche auch gehabt. Früher gab es da halt Fisch und/oder Braten, oft eine Gans, heute oft was anderes. Pastete mit Ragout fin scheint an Heiligabend auch gar nicht so selten zu sein, ist aber vielleicht schwer einer bestimmten Region zuzuordnen. (Mehr zur Geschichte von Ragout fin)
suedthueringen: am heiligabend mittags kartoffelsuppe (kann allerdings sein dass das nur in unserer familie so ist), am abend bratwurst mit kartoffelsalat. am ersten feiertag gibt’s dann das “grosse” menue, rouladen mit - natuerlich - thueringer kloessen, genauer gesagt Huetes, welche bekanntlich aus meiningen stammen (http://klossmuseum.homepage.t-online.de/Baumbachlied.html)
frohe weihnachten!
ps: silvester gibt es uebrigens mittags immer linsensuppe, und die muss bis zur letzten linse aufgegessen werden, sonst fehlt im naechsten jahr das geld…
“Das norddeutsche Bürgertum aß im 19. Jahrhundert nach der Bescherung allerdings ein mehrgängiges Menü mit Fisch und Braten.”
Bingo! Ich stamme aus Niedersachsen (Hannover) und kannte die Tradition “Würstchen & Kartoffelsalat” auch nicht. Kennengelernt habe ich es von einer Freundin in Wiesbaden, die aber aus Hameln stammt. Und - wenn ich das so sagen darf - sie ist mir sicher nicht gram - sie stammt eher aus der “einfacheren Schicht” wobei ich meine Familie zum gehobenen Bürgertum rechne. Aber meine Mutter kommt aus sehr einfachen Verhältnissen, und in ihrer Familie gab es Weihnachten auch eher die Gans- bzw. Putervarianten. Bei uns gab es traditionell am Hl. Abend eine Gans, am 1. Weihnachtsfeiertag selbstgemachte Kalbssülze und am 2. Weihnachtstag diesen roten Heringsalat mit Walnüssen und Rindfleisch. Im Laufe der Jahre hat meine Mutter den Salat dann am Hl. Abend serviert, einfach damit sie an diesem Tag nicht so viel Streß in der Küche hatte, wir waren 5 Personen.
Das Ragout fin gab es bei uns meistens als typisches Essen am Silvesterabend, allerdings nur mit Kalbfleisch. Ohne Zugabe von Bries. Da hat der Bäcker auf Vorbestellung die Pasteten frisch geliefert und ich habe gerne die Deckel stibitzt.
Gibt es nicht auch diese Silvesterkarpfen-Tradition? Bei uns war das kein Thema zuhause, wofür ich sehr dankbar bin.
OT fällt mir dazu eine andere wunderschöne Tradition in unserer Familie ein - immer wenn eines der Kinder Geburtstag hatte, bekamen die Geschwister auch ein kleines Geschenk, damit sie sich mit dem Geburtstagskind ordentlich mitfreuen konnten.
Das mit dem Ragout fin habe ich das erste Mal in einem der Kmmentare zu meinem Artikel gehört, interessant, ds es doch wohl verbreiteter ist.
Ich wohne zwar jetzt in Schleswig Holstein, habe aber noch nie hier mit Leuten über Würstchen oder nicht gesprochen.
Heringssalat ist bei uns genau so traditionell für Sylvester wie der polnische Karpfen mit Biersoße.
Irgendwie gab es bei uns wohl nur Fisch NACH der Fastenzeit?? *gg* Viele Traditionen essensmässig gab es nicht bei uns, aber dies war eine.
Jedenfalls komm ich aus Berlin und kann so die Würstchen in Berlin bestätigen.
Später, wenn es immer verknotete Arrangements mit “Wer-kann-wann-zu-wem” gab, wurde auch am 24. mit Festessen (mal so, mal so wegen unterschiedlicher “das-ess-ich-nicht” der Gäste) gefeiert.
Jetzt machen wir unsere Minimalente zum 24. und die nächsten Tage wird dann die Ente vielfältig aufgekocht… bei uns reicht sie 3-5 Tage zu zweit.
Mal chinesisch (mein Mann ist ein guuter Koch!) mal mit Orangensoße, mal so, mal so. Zueltzt auch die Knochen noch zu Brühe gemacht. Resteverwertung, die sich lohnt! Wird uns auch nie zuviel.
Da meinem Mann die Fischtradition als Schotte nicht so liegt, mach ich nur noch selten den Heringssalat für mich… und dann nicht unbedingt zu Sylvester.
auch in der Schweiz geht am 24. des Abends der Trend zum Einfachen. Lange Jahre waren es Schinkli und Schüfeli, die oft mit Kartoffelsalat unangefochten das Feld behaupteten. Dann kam die Fondue chinoise- Welle auf. Heute sind die Fronten eher verwischt. Man stürzt sich vielerorts auf fine-food, Charcuteriewaren und edlere Sachen, wie Lachs zum Ramschpreis.
wie schön, dass es Kommentare aus ganz unterschiedlichen Regionen gibt.
Heringssalat kenne ich in unserer Familie auch als klassisches Silvesteressen, weißen Heringssalat mit Apfelstückchen drin.
@ Tina: Kartoffeln scheinen in Thüringen dann ja wirklich eine große Rolle zu spielen
@ AT: Interessant, dass es in Nordhessen (wo ich herkomme) die Würstchen/Kartoffelsalat-Tradition gibt, im angrenzenden Niedersachsen aber offenbar nicht. In Hessen wird das wohl quer durch alle Schichten gegessen, den Braten gibt es dann an den folgenden Tagen. Ragout fin scheint wirklich auch ziemlich beliebt zu sein.
@ Monika: Erich Kästner hat als Kind in Berlin schon Würstchen mit Kartoffelsalat gegessen, das weiß ich
@lamiacucina: “Schinkli und Schüfeli” klingt wirklich nett, das muss ich mal googeln. Aber immerhin auch Kartoffelsalat. Fondue wundert mich bei der Schweiz natürlich nicht, das gibt es in Deutschland oft auch zu Silvester.
Ich bin im schwäbischen Teil von B.-W. aufgewachsen und noch immer hier verwurzelt. Ich kann mich nicht erinnern, dass es bei uns an Heiligabend jemals Kartoffelsalat und Würstchen gab. Auch, wenn die Umfragen etwas anderes ergeben, ich kenne fast niemand bei dem dieses Traditionsgericht am 24. Dezember auf den Tisch kommt. Einzig bei meiner Nachbarin, die ursprünglich aus Köln kommt, gibt es das zu Heiligabend. Bei uns gibt es den schwäbischen Kartoffelsalat ja zu allen möglichen Gerichten als Beilage, z.b. zu Maultaschen, Wurstknöpfle, Fleischkäse, Sonntagsbraten, Backfisch etc.
Ich vermute, dass es zu Heiligabend dann doch etwas sein soll, das zwar ruhig einfach sein darf, aber eben kein so Alltagsgericht wie unser Kartoffelsalat.
Ich wurde 1960 in Rheydt geboren. In den 70er Jahren wurde die Stadt eingemeindet und gehört seitdem zu Mönchengladbach.
In unserer Familie, meine Eltern betrieben in den ersten Jahren meiner Kindheit ein Taxiunternehmen, wurde Heiligabend gehoben, aber nicht abgehoben gegessen. Mittags bekamen wir Eintopf, wie es ihn immer am Samstag gab. Abends aßen wir Fondue oder “Spieße”. Das waren überhaupt keine Spieße, so wie Schachlik aufgespießt wird, sondern Rinderhüfte, durchwachsener Speck und Zwiebeln, immer schön in Reihen abwechselnd in eine feuerfeste Form gebettet, im Backofen zubereitet und mit Curry-Butter-Reis und Salat gegessen. Danach gab es meist das absolute Highlight: Rotweincreme von Dr. Oetker. Wir Kinder(ich habe noch drei jüngere Schwestern) waren immer hin und weg, wenn wir das Essen durften.
Den Brauch mit Salaten und Würstchen kannte ich nicht, bis ich meinen Mann kennenlernte. In dessen Familie, die in Burscheid im Bergischen wohnte, war es Usus, am Heiligabend Würstchen, Kartoffelsalat, Heringsalat und Geflügelsalat zu essen. Ich fand das sehr befremdlich. Mittlerweile ist es aber so, dass ich ebenfalls am Heiligabend Salate anbiete und es toll finde.
Auch in Remscheid, wo wir mal ein paar Jahre gewohnt habe, war es Brauch, Kartoffelsalat und Würstchen zu essen.
Bescherung gab es erst am 1. Weihnachtstag und ich finde es heute noch komisch, dass am Heiligabend geschenkt wird. Für mich ist dieser Tag kein richtiger Feiertag, eher eine Art Samstag.
Am 1. Weihnachtstag traf sich die komplette Familie schon zum Frühstück bei meinen Eltern und wir alle fanden diese Mahlzeit immer am tollsten. Es gab so phantastische Dinge wir Roastbeef mit Remoulade, Stuten mit Marzipan und Mandeln, beim Metzger (und nicht beim Discounter) gekaufte Leberwurst, gekochten Schinken und mittelalten Holländer. Es war so herrlich!
Mittags obligatorisch Rindfleischsuppe mit Markklößchen, Pute oder irgendwelche Braten mit Beilagen, Dessert. Nachmittags Kuchen.
Abends allerdings, da wurden die Salate verzehrt, die es anderswo am Heiligen Abend gab. Hühnersalat mit Mandarinen aus der Dose, roten und weißen Heringsalat, Selleriesalat mit Nüssen. Auch zu Silvester gab es solche Speisen oder Fondue.
Wo ich das hier so aufschreibe, frage ich mich, wie meine Mutter das alles hinbekommen hat mit vier Kindern im Schlepptau, der Taxizentrale gleich neben der Küche und einem Etat, mit dem keine großen Sprünge zu machen waren. Wie schön, dass ich ihr noch sagen kann, wie toll ich das finde!
Interessant, dass jede Familie da ihre ganz eigenen Traditionen hat. Das ist ja auch schön so.
Ich kenne niemanden aus der Gegend, aber wenn Kartoffelsalat im Alltag oft gegessen wird ist das ja nichts Besonderes, das will man dann nicht unbedingt auch Weihnachten essen, da hast du recht.
So ein Weihnachtsbrunch war früher sicher total modern, solche Sachen gab es bei uns nicht. Am 1. Weihnachtsfeiertag gab es bei uns oft Rouladen, bei meiner Tante Gans oder Pute. Geflügelsalat mit Dosenmandarinen, war das nicht ein Hit der Sechziger Jahre? Oder Siebziger? Ich verbinde Salate eher mit Silvester in meiner Kindheit.
@Linda: Das mit dem Kartoffelsalat in Württemberg steht auch auf einer Internetseite und basiert am Ende vielleicht auf der Angabe einer Person
@Jutta: Im Bergischen Land wird also offensichtlich auch Kartoffelsalat mit Würstchen gegessen - könnte ich ja noch in die Liste mit aufnehmen
Hm, ein Weihnachtsbrunch war das eher nicht. Frühstück gab es um 8.00 Uhr, danach war Bescherung. Die Geschenke waren auf einem Tisch drapiert, der mit einem weißen Laken abgedeckt war. Spannung total! Dann wurden “sich die Beine vertreten”, während meine Mutter das Mittagessen vorbereitete und wir Kinder unsere Geschenke ausprobierten. Nach dem Mittagessen wurde meist gespielt, Karten oder ein Brettspiel, dann gab es Kaffee (meist wurden dann noch mal die Beine vertreten…) und irgendwann kam das Abendessen. Danach waren wir drei Tage satt und konnten nicht mehr piep sagen. Das Roastbeef beim Frühstück legten wir uns aufs Brot, als Aufschnitt.
Der Geflügelsalat hat mich eigentlich mein ganzes Leben lang begleitet, den essen wir heute immer noch so. Vielleicht stammt das Rezept ja von Clemens Wilmenrod
Bei uns (im Rheinland) gab es bis etwa zu meinem 11. oder 12. Lebenjahr ebenfalls Kartoffelsalat mit Würtschen. Allerdings sind meine Eltern keine nativen Rheinländer - mein Vater kommt aus Merseburg, meine Mutter aus Cottbus. Möglicherweise war das Gericht ein Ergebnis elterlicher Diskussionen? Muss ich mal fragen.
Seitdem gibt es immer Burgunderfleisch, was vermutlich dem Umstand geschuldet ist, dass mein Vater ab dieser Zeit sehr viel in Frankreich auf Dienstreisen unterwegs war. Und man vergisst es ganz gerne - in den 70ern war Deutschland noch kulinarische Diaspora und Frankreich das gelobte Land, das gerade seine Nouvelle Cuisine erfand. So gesehen war die Einführung dieses Gerichts (ohne Kartoffeln!) vermutlich ein Kulturschock.
Grüße!
Martin
@Martin: Cottbus dürfte durchaus im “Kerngebiet” von Kartoffelsalat mit Würstchen liegen. Zu deutscher Küche habe ich (natürlich) auch eine Meinung und ich nutze gerne die Gelgenheit, mal wieder eine Lanze für ihre oft verbal geprügelten Gerichte zu brechen. Eine “Kartoffelküche” war sie immer nur im Norden und Osten, jenseits des Mains schon nicht mehr. Meiner Meinung nach hat die deutsche Küche in erster Linie ein Imageproblem, nur in zweiter Linie vielleicht ein Zubereitungsproblem. Königsberger Klopse halte ich zum Beispiel gut zubereitet für ein wirklich feines Gericht, Rindsrouladen und Rotkraut wurden bei uns auch vor 100 Jahren schon oft mit Rotwein gekocht. Aber es tut jeder Küche gut, auch mal Einflüsse von außen aufzunehmen und nicht nur im eigenen Saft zu schmoren, das denke ich auch.
Also, da ham die Bayern ja wieder mal schön von uns Österreichern abgekupfert ,-)… bei uns ist es nämlich auch üblich (neben Karpfen, Gans und Co) an Heilig Abend Bratwürstel mit Erdäpfelschmarrn und Sauerkraut zu essen.
Ich komme aus Leipzig und soweit ich das zurückverfolgen kann, lebt meine Familie seit mehreren Generationen zumindest in der Gegend. Bis in die achziger Jahre hinein gab es Heilig Abend bei uns regelmäßig marinierte Heringe mit Pellkartoffeln. Kartoffelsalat mit Würstchen gabs auch hin und wieder, aber ich habe das Gefühl, der Fisch war traditioneller. Das ‘große Essen’, also Gans oder Wild kam immer erst an den beiden Feiertagen auf den Tisch. Silvester gabs Karpfen blau, da ließ mein Vater niemals Diskussionen zu.
Inzwischen bin ich aber durch meine Freundin und deren Familie auch auf den schlesischen Brauch gestoßen, Heilig Abend ‘Bauernsauce’ - im lokalen Dialekt ‘Pauerntunke’ - zu essen. Die Zutaten zu einer solchen ‘Tunke’ sind offensichtlich von Haushalt zu Haushalt verschieden, aber einig sind sich alle darin, dass schlesische Weißwürste hineingehören. In der Familie meiner Freundin wird eine Brühe aus einem Stück Kassler gekocht, hinein kommen Weißwürste, Bockwürste und Knackwürste, die bis Silvester regelmäßig nachgefüllt werden. Das heißt, diese Tunke wird mit Sauerkraut und eventuell Kartoffeln die ganze Woche zwischen Weihnachten und Neujahr wenigstens zum Abendessen gegessen, manchmal auch zum Frühstück.
@Ellja: Da könnte ich Österreich ja auch noch in die Liste aufnehmen. Sauerkraut scheint es Heiligabend auch relativ häufig zu geben. Aber vielleicht vor allem deshalb, weil es einfach da war? Das gab es ja auch im Alltag.
@Anton: Diese schlesische Bauerntunke klingt interessant, davon habe ich bisher noch nie gehört. Und auch wieder mit Sauerkraut …
Ein wenig darüber erfährt man in der Wikipedia unter ‘Weißwurst’:
http://de.wikipedia.org/wiki/Wei%C3%9Fwurst#Weitere_Formen
Schon zwischen den Haushalten, die der Familie meiner Freundin zugerechnet werden, gibt es erhebliche Unterschiede, was die Zubereitung der ‘Tunke’ angeht. Manchmal bildet ein Karpfen samt Fond die Basis, manchmal ist es eine Lebkuchensauce, wie schon erwähnt kann es auch ein Fond vom Kasseler sein. Die verstreuten Schlesier haben natürlich auch mit dem experimentiert, was sie an ihren neuen Wohnsitzen vorgefunden haben. Schlesische Weißwürste gehören in Brandenburg auch heute nicht zum Sortiment.
Was das Sauerkraut angeht, wird das im Winter naheliegend gewesen sein. Und zu Würsten jeder Art passt es ja auch. Oder?
Sieh mal da: http://www.familie-bettker.de/weisswurst/
Ich vermute mal, dass früher zu den neben Ostern wichtigsten Feiertagen des Jahres ein Schwein geschlachtet wurde und da wurden auch Würste hergestellt. Frische Bratwürstel, Sauerkraut und Erdäpfel gab es daher in Österreich in bäuerlichen Familien und die Tradition hat sich gehalten. Es gibt auch den Bratwürstlsonntag, das ist der 1. oder 2. Adventsonntag (?) , da wurden früher immer Bratwürstl mit Sauerkraut gegessen. Das städtische, katholische Bürgertum ass eher Karpfen zu Weihnachten, ein Relikt aus der Zeit, als Weihnachten Fastenzeit war.
Wie schön, dass es so viele Kommentare gibt. @Anton: Danke für die Links. @Eline: Österreich ist doch stark katholisch geprägt, vor allem auch Wien, da ist das mit den Bratwürsten im Advent schon erstaunlich. Bratwürstelsonntag habe ich gerade gegoogelt, das ist seit dem 19. Jahrhundert der 1. Adventssonntag, da wurden die Würste quasi vor Beginn der Fastenzeit gegessen (auch wenn sie nach dem Kalender da ja schon anfing). Und an Heiligabend waren die Bratwürste früher die “Mettenwürste”, das heißt sie wurden erst nach der Christmette und nach Mitternacht gegessen, also eigentlich schon am 25. - da war die Fastenzeit ja rum. Das hat sich aber durch geänderte Traditionen mit Kinderbescherung etc. zeitlich nach vorne verschoben. Ich nehme an, dass das im katholischen Bayern ähnlich war.
Eine spannende Suche. Eher mehr Verwirrung mag mein Beitrag stiften: mein Vater ist Norddeutscher (Flensburg), meine Mutter aus dem Hessischen (Fulda), nie gab es bei uns Würstchen zum Heiligen Abend, sondern immer eine würzig rustikale Sülze mit groben, aber zart gekochten Fleischwürfeln in säuerlichem Petersiliengelee. Ende der Achtziger kam dann gebeizter Lach dazu, der die Sülze schnell komplett ablöste, was den massiven Protesten meiner jüngeren Geschwister geschuldet ist und dem Umstand,dass ich als junger Koch eben die Herstellung von Graved Lachs erfahren hatte.
Die Sülze wird eher eine Familienspezialität sein als eine regionale Tradition. Aber dass man weder in Flensburg noch in Fulda Würstchen isst, finde ich nicht so erstaunlich. Fulda ist ja stark katholisch geprägt, während Frankfurt konfessionell eher gemischt ist. Und Flensburg liegt oben im Norden in der Fisch-Braten-Region.
Kleiner Nachtrag: Meine Theorie zum Wechsel von Heringssalat zu Kartoffelsalat scheint sich zu bestätigen. Ich habe Quellen gefunden, wonach um 1850 in Leipzig und noch um 1870 in Weimar an Heiligabend Heringssalat gegessen wurde. Den Wechsel würde ich also auf Ende des 19. Jahrhunderts datieren. Schöne Feiertage euch allen!