Warum gibt es in vielen deutschen Familien an Heiligabend ausgerechnet Würstchen mit Kartoffelsalat? Diese Frage stellte Monika vorgestern in ihrem Blog Wurstologie und rannte damit bei mir offene Türen ein, denn das habe ich mich auch schon oft gefragt. In meiner Familie gab es diese Kombination auch immer am 24. Dezember, allerdings mittags - abends kam dann was Gebratenes auf den Tisch. Die angeheiratete Verwandtschaft besteht aber auf Kartoffelsalat/Würstchen zur Bescherung. Und damit gehört sie zur Mehrheit, denn etwa ein Drittel der Deutschen schließt sich dieser Meinung bei repräsentativen Umfragen an. Gans oder Fondue essen an diesem Tag nicht mal halb so viele.

Foto: Petra Foede

Foto: Petra Foede

Seltsamerweise hat sich noch kein Historiker ernsthaft mit der Frage befasst, warum dieses Gericht derart populär ist, denn die Erklärung „es geht schnell, da hat die Hausfrau Zeit, die Bescherung vorzubereiten” ist mir zu oberflächlich. Kartoffeln mit Spiegelei würden ja auch schnell gehen. Also warum Kartoffelsalat, warum Würstchen? Und wie alt ist diese Tradition überhaupt? Zur Geschichte des Kartoffelsalats habe ich hier schon etwas geschrieben; er dürfte bei uns seit dem 17. Jahrhundert bekannt sein. Da gab es die Frankfurter Brühwürstchen alias Wiener außerhalb Frankfurts aber noch nicht, sie wurden erst im 19. Jahrhundert überregional exportiert, übrigens auch nach Wien, und nur deshalb heißen sie dort bis heute Frankfurter (mehr dazu in meinem Buch).

Der gesamte Advent inklusive Heiligabend war früher eine kirchlich vorgeschriebene Fastenzeit, die erst mit der Christmette um Mitternacht endete. Während die Reformation kollektive Fastenregeln für Protestanten schon im 16. Jahrhundert aufhob, war der 24. Dezember für Katholiken noch bis 1966 ein fleischloser Tag. Jedenfalls offiziell. Folglich müssen die Würstchen an Heiligabend evangelisch sein. Das norddeutsche Bürgertum aß im 19. Jahrhundert nach der Bescherung allerdings ein mehrgängiges Menü mit Fisch und Braten.

Verbreitet vor allem in Mittel- und Ostdeutschland

Meine Theorie ist, dass die einfache Bevölkerung in Nord- Mittel- und Ostdeutschland am Heiligabend statt teurem Karpfen zunächst Heringssalat aß, der dann durch den “feineren” Kartoffelsalat abgelöst wurde. Im Gegensatz zu Pell- und Bratkartoffeln war das früher eine Festspeise, die vielerorts bei Hochzeiten aufgetischt wurde. Auch die Frankfurter Würstchen waren mal etwas Feines; sie wurden in erstklassigen Hotels als Imbiss serviert. Um „schnell und einfach” ging es bei dieser Mahlzeit also überhaupt nicht, im Gegenteil.

Nach meiner (zugegeben kurzen) Recherche wird bzw. wurde in diesen Regionen am 24. Dezember traditionell Wurst gegessen, wobei die Liste keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt:

  • Baden-Württemberg: Kartoffelsalat und Bockwurst
  • Bayrischer Wald: Bratwurst mit Sauerkraut und Brot
  • Berlin: Würstchen und Kartoffelsalat
  • Franken: Blaue Zipfel und Kartoffelsalat
  • Frankfurt: Würstchen mit Kartoffelsalat
  • Nordhessen: Würstchen mit Kartoffelsalat
  • Oberlausitz: Bratwurst mit Kartoffelbrei
  • Österreich: Bratwürstel mit Erdäpfelschmarrn und Sauerkraut
  • Ostpreußen: Kartoffelsalat und Würstchen
  • Sachsen: Würstchen mit Kartoffelsalat
  • Thüringen: Bratwurst mit Brot oder Würstchen mit Kartoffelsalat
  • Weserbergland: Kartoffelsalat und Bockwurst

Es wäre schön, wenn es zu diesem Artikel ein paar Kommentare gäbe, vielleicht Ergänzungen zu bestimmten Regionen, eigene Erfahrungen oder einfach Meinungen.