Jetzt zur Auflösung des Rätsels von gestern: Was passiert am Clowesabend? Heute abend verkleiden sich die Kinder in Kassel und Umgebung als „Clöwesse” und gehen von Haus zu Haus, um Süßigkeiten einzusammeln. Clowes heißt auf Kasseläner Platt einfach Klaus und damit ist niemand anders als der Nikolaus gemeint, der in Nordhessen grundsätzlich nur in Zivil auftritt und als „oller Clowes” wenig respektvoll Eingang in die Umgangssprache gefunden hat, wenn jemand sich wie ein Trottel aufführt.

Ohne Worte. Foto: Petra Foede

Ohne Worte. Foto: Petra Foede

Schon allein die Tatsache, ohne Erwachsene abends auf die Straße zu dürfen, war für mich als Grundschulkind aufregend. Meine Verkleidung bestand aus einem langen Rock unter dem Anorak, einem Kopftuch und einer Plastikmaske, die aber ziemlich lästig war, weil es darunter selbst bei Frost ganz schnell warm wurde. Deshalb wurde sie zwischendurch immer mal gelüftet. Ganz wichtig war natürlich auch ein Beutel für die guten Gaben. Die Kinder klingeln und sagen dann geistreiche Sprüche und Gedichte auf wie „Ich bin die kleine Erika und komme aus Amerika. Lasst mich nicht zu lange stehn, denn ich muss noch weiterziehn.” Das war jahrelang mein Spruch. Andere sind zum Beispiel „Ich bin der kleine Dicke und wohne auf der Brücke …”, „Ich bin der kleine König, gebt mir nicht zu wenig” oder auch „Ich bin der kleine Frosch, gib mir einen Grosch’. Gib mir’n Stückchen Speck, dann hüpf ich wieder weg.” Diese Reime wirkten umso überzeugender, wenn der „Frosch” zum Beispiel als Hirte verkleidet war. Als Nikolaus ging damals bei uns eigentlich niemand.

Als wir kleiner waren, klingelten wir nur in der Nachbarschaft, später dehnten wir unser Einzugsgebiet aus, damit der Beutel auch voll wurde. Die umherziehenden Gruppen gaben sich auf der Straße wertvolle Tipps, welche Häuser besonders lohnenswert sind: „Bei X gibt es selbst gebackene Plätzchen”, „da habe ich eine Tafel Schokolade gekriegt” … Mandarinen, Äpfel und Nüsse füllten den Beutel zwar auch, waren aber längst nicht so begehrt. Auf keinen Fall entgehen ließen wir uns den Besuch im örtlichen Lebensmittelgeschäft, wo es so tolle Sachen wie Lutscher, Lakritzschnecken und Brause gab, manchmal sogar Klebebildchen.

Später gingen meine Schwester und ich in getrennten Gruppen und trafen uns erst hinterher wieder zuhause. Da wurden dann die Beutel geleert und die Ausbeute verglichen. Und wehe, eine hatte dann irgendwas Besonderes, das der anderen durch die Lappen gegangen war oder einfach mehr. Da musste meine Mutter schon einschreiten, um uns daran zu hindern, zu vorgerückter Stunde gleich noch mal die Maske aufzusetzen … Die Beutelinhalte wurden dann in zwei einigermaßen gleiche Häufchen aufgeteilt und dann war Ruhe. Einen echten „Gewinn” machen die Familien bei diesem Brauch natürlich nicht, denn jede gibt ja ihrerseits den anderen „Clöwessen” was, ganze Körbe voll, aber für die Kinder ist es ein Riesenspaß.