Der Adventsmann

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Der 6. Dezember war in meiner Kindheit immer ein Festtag: Gleich morgens konnte ich nicht nur ein neues Türchen am Adventskalender öffnen, sondern auch noch erwartungsvoll meine (hoffentlich) gut gefüllten Stiefel reinholen, die im Hausflur standen. Und nach Einbruch der Dunkelheit dann noch der Clowesabend. Was?! Nie gehört? Macht nichts, das ist keine echte Bildungslücke, das gibt es nämlich nur in Kassel und Umgebung. Das Ganze ist eine Mischung aus Karneval, Halloween und Sternsingen. Aber dazu später mehr. Erst will ich von einer für mich damals rätselhaften vorweihnachtlichen Gestalt erzählen, die stets gleich aussah, aber angeblich verschiedene Personen war. Wer aus Nordhessen oder Niedersachsen kommt, wird vermutlich schon wissen, wen ich meine: den Nikolaus in Zivil.

Foto: Petra Foede

Foto: Petra Foede

Dieser mysteriöse rot gekleidete Mann mit weißem Wattebart begegnete mir zum ersten Mal, als ich vier war. Es war Anfang Dezember, vor dem Tante-Emma-Laden des Dorfes stand ein Tannenbaum und daneben der Rotgewandete mit einem Sack. Mütter schickten ihre Kinder vor, damit sie ein Gedicht aufsagten, dann griff er in den Sack und holte Schokolade hervor. Ich sollte/wollte auch (Schokolade). „Advent, Advent ein Lichtlein brennt … ähm … Lichtlein …”. Das reichte offenbar. „Das ist der Nikolaus”, sprach meine Mutter. Gut, das wollte ich mir merken.

Dann war Weihnachtsmarkt in Kassel, da traf ich ihn wieder und auch noch verschiedene Kollegen im Kaufhaus, es gab in der Adventszeit offenbar viele davon. „Mama, der Nikolaus!” – „Das ist der Weihnachtsmann!” sagte meine Mutter. Ach nee … war das nicht erst vor einer Woche der Nikolaus gewesen? Der sah doch genauso aus, roter Mantel, weißer Bart, Jutesack.  Warum sollte das jetzt ein anderer sein? Aber meine Mutter bestand darauf, die Zeit für Nikolaus wäre vorbei und das sei jetzt der Weihnachtsmann. Was soll man da machen – Erwachsene wissen ja immer alles besser. Aber wirklich überzeugt war ich nicht.

Mit meiner Schwester

Mit meiner Schwester

Die Sache wurde auch nicht dadurch einleuchtender, dass die Erwachsenen zu Weihnachten noch eine dritte unsichtbare Person ins Spiel brachten und fragten: „Na, hat das Christkind denn was Schönes gebracht?” Selbst als ich längst wusste, dass das alles nur erfundene Personen waren, blieb das Doppelleben des Nikolaus-Weihnachtsmannes für mich lange ein Rätsel. Auch noch, als ich längst erwachsen war (das geht in Nordhessen vielen so). Bis ich im Rheinland den ersten Nikolaus-Bischof sah und schlagartig begriff, dass das jetzt der echte Nikolaus ist – also der echte verkleidete natürlich …

Um es kurz zu machen: Nordhessen ist eine evangelische Gegend, folglich wurde der Nikolaus als Bischof schon vor Jahrhunderten abgeschafft. Den Brauch mit den süßen Gaben ließen sich die Leute aber nicht nehmen und so kam man auf die geniale Idee, ihn einfach in „Zivil” auftreten zu lassen und das war dann irgendwann das Kostüm des Weihnachtsmannes. Weihnachten kann sehr kompliziert sein, wenn man evangelisch ist.

nikolaus-schulfibel

Jetzt wollte ich ja eigentlich noch was über den Clowesabend erzählen, aber das wird zu lang, deshalb verschiebe ich das auf morgen.

About Petra Foede

Ich bin Kulturhistorikerin und freie Journalistin. In diesem Blog schreibe ich über die Geschichte von Gerichten, über berühmte Cafés und Restaurants sowie über dies & das aus der kulinarischen Vergangenheit.
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4 Responses to Der Adventsmann

  1. Monika says:

    Ich las mal, dass “die Protestanten” das Chrestkind erfunden haben, weil eben Nikolaus Heiliger und Bischof war/ist. Hab ich allerdings nie weiter verfolgt.

    Aber der rotweiße Santa ist ja von Coca Cola erfunden, rot weiß sind eben ihre Firmenfarben. Das hatte ich auch erst vor relativ wenigen Jahren erfahren.

    Der Nikolaus ist länger im Dienst als der Weihnachtsmann. Dieser war wohl wirklich nur eine Werbeversion ohne religiösen Hintergrund, auch wenn er “Santa Claus” genannt wurde oder “Father Christmas”.

    Früher (mehr als 100-150 Jahre?) war es ja wohl auch für Kinder eher mit Angst verbunden, wenn Nikolaus kam, denn er prüfte ob alles richtig war und strafte auch schon ordentlich, wenn “nötig”. Ganz abgesehen von Geschenken, die ja früher wohl eher kleine Aufmerksamkeiten waren ohne Wunschzettel.

    Supersüße Freudenweihnachten mit dem weißbärtigen, freundlichen Opatypen ist also eine ganz moderne, versüßte, klargelackte “Tradition” die allerdings schon lang genug da ist, um nicht mehr als solche unbedingt erkannt zu werden.

    Aber sie kann natürlich trotz allem schöön sein :)

    Viele Adventsgrüße!!

    Monika

  2. Petra Foede says:

    Die Geschichte der Weihnachtsbescherung ist eines meiner Steckenpferde, dazu will ich eigentlich auch noch mal ein Buch schreiben, ein paar Kapitel sind so gut wie fertig. Das Christkind geht auf Martin Luther zurück als Ersatz für den Nikolaus, das stimmt. Der Weihnachtsmann wurde nicht von Coca-Cola erfunden, auch nicht der rote, das ist eine populäre Legende. Der deutsche Weihnachtsmann ist älter als der amerikanische Santa Claus, er war nur nicht unbedingt rot-weiß gekleidet, sondern auch braun, blau oder grün. Coca-Cola hat sich nur einer bereits vorhandenen Darstellung in diesen Farben bedient, weil es halt so gut gepasst hat und die Farbkombi dann popularisiert. Die Weihnachtsbescherung im heutigen Sinne ist eine ziemlich moderne Erfindung, da hast du recht.

  3. Tine says:

    ich hab ja jetzt ganz neu gelernt, dass die Farbe rot weiß durchaus von Fliegenpilzen kommen kann. Von samischen Schamanen.
    http://doppelblog.wordpress.com/2009/12/06/nikolaus-weihnachtsmann-christkind-und-co/

    Es hat ja so manches spannende dabei, auch die Tatsache, dass der Weihnachtsmann zwar irgendwie von Amerika rübergeschwappt ist, aber dorthin von den Deutschen und vor allem den Holländern eingeführt wurde. Von den protestantischen Holländern wohlgemerkt, sie haben – obwohl protestantisch – weiter am Nikolaus festgehalten.

  4. Petra Foede says:

    Die Idee mit den Fliegenpilzen ist ja wirklich köstlich *kicher* Aber ich finde diese ganze Geschichte mit Nikolaus, Weihnachtsmann und Christkind auch spannend und wie sich das in verschiedenen Ländern entwickelt und vermischt hat. Vielleicht wird ja doch noch mal ein Buch draus.