Wenn einer eine Reise tut - dann kriegt er spätestens nach 20 Kilometern Hunger. Das war schon immer so, weshalb der kluge Reisende früher stets ein Fresspaket dabei hatte. Auch die Erfindung der Eisenbahn im 19. Jahrhundert änderte daran zunächst nichts, denn die Techniker hatten vergessen, den Speisewagen gleich mit zu erfinden. Sonstigen Luxus wie Zugtoiletten natürlich auch. (Fotos zum Vergrößern anklicken)

Repro/Gestaltung: Petra Foede

Repro/Gestaltung: Petra Foede

Die Anfänge der Eisenbahn

Bahnfahren war damals noch ein kleines Abenteuer (wobei böse Zungen behaupten, das sei es auch heute noch). Die allerersten Versuchsbahnen bestanden aus offenen Waggons mit Verdeck, die Passagiere hüllten sich in Decken und schützten sich mit Tüchern vor dem Qualm der Lokomotive. Dann wurden Wagen verschiedener Preisklassen eingeführt, die billigste war die ungepolsterte und ungefederte „Holzklasse”. Wer erster oder zweiter Klasse fuhr, erwarb damit bald auch das Anrecht auf eine Mahlzeit. Bei manchen Bahngesellschaften konnte man beim Schaffner Proviantkörbe bestellen, die an einem bestimmten Bahnhof abgeholt und verteilt wurden.

bahnhof-buffet

Die Regel war aber ein 20-minütiger Aufenthalt an einer Verpflegungsstation, einem Bahnhof mit einer Wirtschaft oder auch nur einem Büffet. Da stand dann im Fahrplan so etwas wie „Mittagessen 12.50 Uhr Posemuckel”. Nach dem Halt des Zuges drängten alle Reisenden schlagartig nach draußen, um zu den ersten zu gehören, die bedient werden, und in den Genuss einer kompletten Mahlzeit zu kommen. In Stuttgart gab es täglich: Suppe, Fleischpastetchen, Roastbeef mit Bohnen, Huhn mit Salat und Torte. Fünf Gänge für drei Mark - aber halt in 20 Minuten!

Selbstbedienung am Bahnsteigbüffet

Selbstbedienung am Bahnsteigbüffet

In der Bahnhofswirtschaft

In der Zeitschrift Daheim schildert ein Zeitzeuge 1880 den leidigen Kampf ums Bahnhofsessen: „Wer kennt sie nicht, die qualvolle Viertelstunde der Dinerstation auf der Schnellzugslinie - gedrängt und gestoßen erreicht man endlich einen freien Stuhl, eine wenig saubere, aber darum desto eiligere Kellnerhand schiebt einen Teller glühend heißer Bouillon auf das etwas zweifelhafte Tischtuch, wir dürfen uns vielleicht auch noch den Genuß des zweiten Gerichts gestatten … und schon tritt die breite Gestalt des Oberschaffners in die Saalthür: ‘Einsteigen nach Kreiensen, Hannover! Alles einsteigen!’ schreckt er uns empor … Und dann ein kurzes Anschlagen der Glocke, eilig wird das Coupé erreicht, ein schriller Pfiff …”. Von wegen noch Roastbeef oder Huhn.

Hauptbahnhof Hildesheim um 1900

Hauptbahnhof Hildesheim um 1900

Bahnhofswirtschaft in Pasewalk (1907)

Bahnhofswirtschaft in Pasewalk (1907)

So war die Erleichterung groß, als endlich während der Fahrt im Zug gegessen werden konnte. 1874 wurde auf der Strecke Wien - Hamburg erstmals das Mittagessen um 13.30 Uhr in den Abteilen serviert, wenn auch das Prozedere noch etwas umständlich war: Bestellungen nahmen die Schaffner in Magdeburg an, die Anzahl der Menüs wurde telegraphisch nach Stendal gemeldet, wo die fertigen Portionen bei einem kurzen Stopp eingeladen wurden. Geschirr und Tabletts wurden dann an der nächsten Station in Salzwedel vom Kellner wieder eingesammelt.

Die ersten Speisewagen

Der erste deutsche Speisewagen wurde im Sommer 1880 auf der Strecke Berlin - Bebra feierlich in Betrieb genommen. Die Plätze fürs Mittagessen waren allerdings schon bei Reiseantritt zu reservieren, das Billet für die Mahlzeit wurde zusammen mit der Fahrkarte gelöst. Da es noch keine Durchgangswagen gab, musste der Zug kurz anhalten, damit die Passagiere ihr Abteil verlassen und den Speisewagen besteigen konnten. Es gab 18 Sitzplätze für Nichtraucher und 12 für Raucher; gegessen wurde in zwei Durchgängen. Kleine Speisen wurden im Küchenwagen auf einem Kohleherd frisch zubereitet, die Menüs wurden von Bahnhofsrestaurants fertig geliefert und nur aufgewärmt. Diese Neuheit war auf Anhieb ein Erfolg, wurde aus Kostengründen aber vor 1900 nur auf wenigen Strecken eingesetzt.

speisewagen-1895

Die Einführung des D-Zugs mit Verbindungsgang ermöglichte ab 1892 auch Experimente mit einer Art Roomservice auf Schienen. In jedem Abteil der Preußischen Staatsbahn wurde eine Klingel installiert, um einen Kellner zu rufen, der Bestellungen entgegennahm. Zum ersten Mal gab es kleine Klapptische unter den Fenstern. Diesen Service gab es später dann nur noch in Luxuszügen wie dem Orientexpress.

dining-car-1895

Es setzte sich aber durch, dass der Speisewagen nicht nur mittags geöffnet hatte, sondern während der gesamten Fahrt - zum Ärger der Betreiber, die diesen ungeregelten Appetit der Fahrgäste überaus lästig fanden. 1908 beklagte die Internationale Schlafwagen-Gesellschaft: „Auf den deutschen Linien ist in den Speisewagen leider nicht immer dieselbe Ordnung einzuhalten, wie es auf den meisten ausländischen der Fall ist. Auf letzteren hält sich das Publikum streng an die table d’hôte, so daß nur zwei Mahlzeiten serviert werden … Auf deutschen Linien wird auch außerhalb der Mahlzeiten den ganzen Tag über gegessen und getrunken …”. Unerhört. Dabei machen die Deutschen an sich ja vieles nach der Uhr, vor einer Generation wurde sogar noch nach Kalender gebadet, aber essen nach Fahrplan … nicht mit uns!

Literatur:

  • Albert Mühl: Speisewagen in Deutschland. Die Geschichte des Speisewagenbetriebs in Deutschland von den Anfängen bis zum Übergang auf die Mitropa, Freiburg 1994

Interessante Links:

Ähnliche Artikel: Essen über den Wolken