Mir ist schon klar, dass Toast Hawaii heute als peinliche kulinarische Entgleisung aus der Ära der Nierentische und Tütenlampen gilt. Sowas isst man einfach nicht mehr, Toastbrot mit Dosenananas und abgepackten Käsescheiben, wirklich nicht. Und wenn ich im Bekanntenkreis frage, dann hat das eigentlich auch nie jemand gemocht, das gab es immer nur auf Partys bei anderen … Schon klar. Ich frage mich nur, wo die ganzen Fotos davon im Internet herkommen und wieso Retro-Kochbücher mit Toast Hawaii im Titel immer relativ schnell vergriffen sind. Merkwürdiges Phänomen. Ich kann mich immerhin damit herausreden, dass ich mal wieder ein Thema für meinen Blog brauchte ;)

Foto: Petra Foede

Foto: Petra Foede

Der Erfinder: Fernsehkoch Clemens Wilmenrod

Wie auch immer, in den Fünfziger und Sechziger Jahren war Toast Hawaii regelrecht Kult. Er war die Erfindung des ersten deutschen Fernsehkochs Clemens Wilmenrod, der in Wirklichkeit eigentlich Carl Clemens Hahn hieß und auch kein Koch war, sondern Schauspieler. Seine Kochshow „Clemens Wilmenrod bittet zu Tisch” wurde von 1953 bis 1964 wöchentlich ausgestrahlt. Das Publikum war offensichtlich angetan von seiner Art des „modernen Kochens” mit Konserven und Fertigprodukten, außerdem erzählte er zu jedem Gericht immer irgendwelche Schwänke aus seinem Leben. Das Konzept, in der Fernsehküche mehr zu reden als zu kochen, funktioniert ja auch heute noch … Wilmenrod erkannte jedenfalls, dass es an der Zeit war, die übliche Hausmannkost mit ein paar exotischen Zutaten aufzupeppen und so einen Hauch von weiter Welt und Glamour in die Küche zu bringen. Sein Rezept für Toast Hawaii flimmerte 1955 über die Mattscheiben.

Wer wissen will, ob Wilmenrod in seiner Live-Sendung überhaupt selbst gekocht hat und welche Rolle ein Gerät namens „Heinzelkoch” spielte, kann das in meinem Buch nachlesen.

Illustration von Daniel Müller aus Wie Bismarck auf den Hering kam

Illustration von Daniel Müller aus Wie Bismarck auf den Hering kam

Offenbar ist aber kein Gericht so einfach, dass sich dabei nicht doch irgendwas „falsch” machen ließe. Auf vielen Fotos ist jedenfalls zu sehen, dass die Cocktailkirsche mit überbacken wird - bei Wilmenrod kam sie erst zum Schluss als Deko obendrauf, genau an die Stelle, an der der Käse wegen des Lochs im Ananasring etwas eingesunken ist. Einige ersetzen die Kirsche auch durch Ketchup oder Preiselbeermarmelade. Ist das eine Verfeinerung? Ich bin mir da nicht so sicher.

Hier ist jedenfalls die Anleitung für das Original nach Wilmenrod:

Zutaten: 4 Scheiben Toastbrot, 12 Scheiben roher Schinken, 4 Scheiben Ananas aus der Dose, 4 Käse-Scheibletten, 1 TL Paprikapulver, 4 Cocktailkirschen, Butter. - Zubereitung: Das getoastete Brot abkühlen lassen, dünn mit Butter bestreichen, den Schinken in wenig Fett anbraten, je drei Scheiben pro Toast. Darauf eine Scheibe Ananas legen und mit einer Scheibe Käse bedecken. Mit Paprikapulver bestreuen und im Backofen überbacken, bis der Käse zu schmelzen beginnt. Dann mit der Cocktailkirsche dekorieren.

Aus: Rainer Horbelt/Sonja Spindler: Die deutsche Küche des 20. Jahrhunderts, Frankfurt/Main 2000

Weiterlesen: Spamwich - das Vorbild für Toast Hawaii?

Ähnliche Artikel: