Die Erfindung der Currywurst - Mythos mit Sauce
Posted by Petra Foede on 04 Sep 2009 | Tagged as: Deutschland, Kulturgeschichte
Es gibt vermutlich nicht viele Würste, die einen Geburtstag haben. Die Currywurst hat einen. Genau heute vor 60 Jahren erblickte sie in der Imbissbude von Herta Heuwer in Berlin-Charlottenburg das Licht der Welt. Jedenfalls einer weit verbreiteten Story zufolge. Das leise Grummeln von Zweiflern wird in Berlin geflissentlich überhört, und so eröffnete hier am 15. August ein privates Currywurst-Museum und jubelte schon mal ein bisschen im voraus.
Die Legende …
Herta Heuwer stammte aus Ostpreußen und kam nach dem Zweiten Weltkrieg mit ihrem Mann als Flüchtling nach Berlin. Nach der Währungsreform im Juni 1948 fing sie an, in einer kleinen Holzbude Würstchen zu verkaufen. An den Tag ihrer Erfindung konnte sie sich auch Jahrzehnte später noch genau erinnern, es war am 4. Septemer 1949, einem total verregneten Sonntag. O-Ton Heuwer: „Es goss kleene Kinderköppe, keen Mensch war an meiner Bude.“ Also briet sie sich selbst eine Wurst und mischte diverse exotische Gewürze mit Tomatenmark. Nein, kein Currypulver, kein Fertigketchup, darauf legte sie in Interviews immer großen Wert.
Verraten hat sie ihr das Rezept für ihre Sauce nicht mal ihrem Mann, die Notizen hat sie irgendwann vernichtet. 1959 hat sie sich dafür PR-wirksam den Markennamen „Chill-up“ schützen lassen. Doch, auch wenn es oft geschrieben wird: Ein Patent auf Rezepte, Würste oder Saucen gibt es nicht. Basta, um ein Lieblingswort Frau Heuwers zu benutzen.
Ich bewundere es, wenn Menschen sich noch viel später ganz genau an etwas erinnern können. Der Journalist Marc Reisner, der ein interessantes Buch über die Currywurst geschrieben hat, enthüllt darin jedoch, dass es laut Wetterdienst Meteomedia am 4. September 1949 überhaupt nicht geregnet hat, keinen Tropfen. Einen Tag vorher gab es ein Gewitter. Aber Blitz und Donner hätte eine Frau mit einem derart guten Gedächtnis ja wohl kaum vergessen, oder?
Nun gibt es da auch noch die Geschichte des Hamburger Schriftstellers Uwe Timm, der in seinem Buch Die Entdeckung der Currywurst eine fiktive Wurstverkäuferin namens Lena Brücker zur wahren Erfinderin erklärt. Da es ein Roman ist, ist das an sich belanglos, allerdings beharrt Timm darauf, schon 1947 in Hamburg Currywurst gegessen zu haben. Beweise kann er jedoch nicht vorweisen, und bei der Datierung von Kindheitserinnerungen kann man sich leicht um Jahre verschätzen. Er selbst sagt auf seiner Homepage: „Der Erzähler erzählt nicht nur nach, sondern neu und anders, nämlich wie es sein könnte, er erzählt eine andere Wirklichkeit.“ Eben.
… und die Realität
Die legendenhafte Verschmelzung der Currywurst-Historie mit den Anekdoten der forschen Herta Heuwer, die ihre Bude gern mit Botschaften wie „Erste Currywurst-Braterei der Welt“ plakatierte, hat bis heute den Blick auf die Geschichte der Würstchenverkäufer im Nachkriegsberlin verstellt. Auch im neuen Museum wird nur der Mythos gefeiert. Wo ist der Raum für all die anderen Wurstbrater und -köche, die ihre heiße Ware Ende der Vierziger Jahre zu Fuß oder an Klapptischen mit Spirituskocher feil boten? Brühwürste gingen besser als Bratwürste, weil sie billiger waren. Die Wurst gab’s anfangs pur auf die Hand oder eingewickelt in einen Fetzen Zeitungspaper. Ein Foto aus dem Sommer 1949 zeigt den damaligen Bürgermeister Ernst Reuter beim Biss in eine Bockwurst, ohne Brötchen, saucenfrei.
Reuter gehörte damals auch zu den Kunden von „Wurstmaxe“ Günter Mosgraber, der sich im November 1949 mit einem tragbaren Wurstkessel zum ersten Mal vor dem Titania-Palast in Steglitz postierte. Ein Kollege von Frau Heuwer. Zwei Jahre später hatte er schon einen Handwagen an seinem neuen Standort Ecke Schloßstraße/Kieler Straße, etwas später einen kleinen Tisch. Erst 1970 leistete er sich einen richtigen Imbisswagen. An dieser Stelle steht der Stand noch heute, betrieben von Mosgraber junior unter dem Namen Zur Bratpfanne.
Kollektive Berliner Versuchsküche
Der Senior hat angesichts des medialen Tamtams um die vermeintliche Heuwer-Wurst resigniert und gibt keine Interviews mehr. Aber sein Sohn erzählt einem Journalist des Manager-Magazins, wie es wohl wirklich war:
Die amerikanischen Soldaten in Berlin wollten ihre Wurst mit Ketchup. Den gab es nicht. Da hätten die Frauen mit Tomatenmark und Gewürzen zu experimentieren begonnen, Rosmarin, Muskat, Curry, und die GIs sagten, es fehle noch was, und dann kamen noch Zimt und Senf dazu, Essig, vielleicht auch etwas Zucker für die Süße, andere nahmen Honig, so habe es ihm seine Mutter erzählt, und so sei die Sauce erfunden worden, die über die Wurst kam. „Das war ein gemeinsames Pröbeln und Basteln, bis die Currywurst endlich erfunden war. Alles andere ist Mumpitz.“
Was soll ich sagen – diese Geschichte glaube ich. Diese Wurst ist ein Kind Berlins, aber sie ist nicht einer bestimmten Person eines Tages in den Schoß gefallen.
Also die Currywurst hat heute nicht Geburtstag. Packen wir die Kerzen und den Kuchen halt wieder ein. Wir könnten ihn bis November aufheben, dann existiert der Imbiss der Mosgrabers nämlich 60 Jahre. Ganz ohne „Patent“ und Tamtam.
6 Comments »





Interessanter Bericht, jetzt weiß ich mehr über die berühmte Currywurst. In Österreich, wo ich aufwuchs kannte ich die Currywurst damals noch nicht.
danke für den schönen bericht.
als nachtrag:
habe mich gestern abend mit einer gebürtigen berlinerin über sehenswertes in und um berlin unterhalten. die sagte mir, die beste currywurst gäbe es auf dem kurfürstendamm 95, dies sei ein muss.
wenn ich demnächst mal nach Berlin komme, werde ich den Tipp berücksichtigen
Wo es nun die “beste” Currywurst gibt, lässt sich bestimmt so nicht sagen. 2 Jahre an der TU Berlin haben mich so einiges testen lassen und seitdem mir ganz Berlin offensteht, noch mehr. Da muss Frau selber durch, Kurfürstendamm 95 hat mich wiederum nicht überzeugt, Über Geschmack kann man ja streiten …
Eine schöne Geschichte, auf die ich heute nur durch Zufall gestossen bin.
Ich bin sicher, letztlich ist die Geschichte der Currywurst eine evolutionäre: Hier und da wurde probiert, getüfelt, beim anderen abgekupfert - und letztlich entstand die Currywurst-Sosse, wie wir sie heute kennen. Und auch da gibt es ja keine zwei, die wirklic gleich sind, denn jeder Imbiss, der auf sich hält, mischt und köchelt sie nach seinem individuellen Rezept zusammen.
Currywurstianische Grüsse
Marc Reisner