Chicken tikka masala – indisch oder britisch?

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Chicken tikka masala ist ein indisches Currygericht mit Tomatensauce, das die Engländer für ihr Nationalgericht halten und die Schotten bei der EU als kulinarisches Eigentum der Stadt Glasgow schützen lassen wollen – eine originelle Konstellation, die bei der Verfilmung als Komödie vermutlich für einige Lacher gut wäre, derzeit aber für ernste inter-kulinarische Verstimmung sorgt. In England ebenso wie in Indien. So uneins sich die beiden Nationen sonst über dieses Gericht sind, bei einem sind sie sich einig: Schottisch ist es nicht!

Die Story kochte Anfang August in vielen internationalen Medien hoch. Ein schottischer Politiker behauptet, Chicken tikka masala sei Anfang der 1970er Jahre in einem indischen Restaurant in Glasgow entstanden und fordert, den Name als Herkunftsbezeichnung zu schützen. Dieses Ansinnen löste einen unerwarteten Proteststurm in Indien aus, wo man für dieses Gericht bisher eigentlich nicht viel übrig hatte; in der traditionellen indischen Küche gibt es keine Tomatensauce. Nun aber ließ der Küchenchef des Karim Hotels in Neu-Delhi verlauten, es handele sich um ein uraltes Rezept, das in seiner Familie seit mehreren Generationen weitergegeben werde. Das ist nun eine echte Neuigkeit. Oder vielleicht eher eine echte Legende?

Foto: kspoddar

Foto: kspoddar

Geschichte des Gerichts: Fakten und Mythen

Eigentlich gilt es als ausgemachte Sache, dass Chicken tikka masala die Erfindung eines Restaurants in Großbritannien ist. Erzählt wird, dass in den 1960ern oder 1970ern ein Gast bei einem Inder in London oder in einer anderen Großstadt sein Huhn zurückgehen ließ, weil die Sauce fehle. Der erboste Koch soll kurzerhand eine Dose Tomatensuppe geöffnet, gewürzt, mit Sahne versetzt und als Sauce serviert haben. Der Gast war nicht entsetzt, sondern begeistert. Das pseudo-indische Hähnchencurry wurde so bekannt, dass es in kurzer Zeit zum Standardgericht aller indischen Restaurants auf der Insel wurde.

Vor Jahren aber hat der frühere Journalist und jetzige Restaurant-Besitzer Iqbal Wahhab verraten, dass er sich die ganze Story 1994 für das Tandoori Magazine ausgedacht habe. Er sei erstaunt, dass die Geschichte bis heute immer wieder ernsthaft zitiert werde.

Das Rätsel um Chicken tikka masala scheint aber mittlerweile gelöst. Es wird in einem Tandoor zubereitet, dem traditionellen Backofen der Punjab-Region. Das Moti Mahal in Neu-Delhi führte 1948 als erstes Restaurant das Garen von Fleisch in diesem Ofen ein, was heute als Tandoori-Küche bekannt ist. Bis dahin wurde chicken tikka am Spieß über offenem Feuer zubereitet. Das neue Gericht wurde Tandoori chicken genannt. In den 1950er Jahren entstand dann als Variante das Butter chicken, auf Hindi murgh makhani, bei dem die Köche den aufgefangenen Bratensaft mit geklärter Butter und Tomatenpüree mischen und vor dem Servieren über das Huhn gießen. Und weil das Moti Mahal das edelste Restaurant Indiens war und dort alle Empfänge für Staatsgäste und Prominente stattfanden, verbreitete sich der Ruhm des neuen Gerichts im Eiltempo. So kam das rote Butterhuhn einige Zeit später auf die britische Insel, wo es ein bisschen abgewandelt und in chicken tikka masala umgetauft wurde. (Mehr auf Englisch beim Menumagazine)

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About Petra Foede

Ich bin Kulturhistorikerin und freie Journalistin. In diesem Blog schreibe ich über die Geschichte von Gerichten, über berühmte Cafés und Restaurants sowie über dies & das aus der kulinarischen Vergangenheit.
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7 Responses to Chicken tikka masala – indisch oder britisch?

  1. Eline says:

    Gerade gestern abend konnte ich bei eine Sikh-Familie aus dem Punjab ein Butter Chicken geniessen. Nicht auf die britische Weise mit Sahne ertränkt sondern mit viel Ghee. Üppiger geht es nicht mehr, aber köstlich ist es auch!
    Danke für die Geschichte des Tandoor – ich dachte immer, der Gebrauch dieser höllisch heissen Öfen ist viele hunderte Jahre alt ….

  2. admin says:

    was für ein netter Zufall, dass du das gerade gestern gegessen hast. Der Tandoor an sich ist natürlich schon uralt, tausende von Jahren, aber er wurde eigentlich immer nur als Backofen benutzt. Das Fladenbrot wird innen an die heiße Wand geklatscht, es gibt keine Bleche, das ist ja eine Röhre quasi. Vielleicht hat man die Restwärme auch früher manchmal benutzt, um Essen warm zu machen, aber die heute bekannte Tandoori-Küche mit ihren Spezialitäten ist offenbar erst um 1950 in diesem indischen Restaurant entstanden. Vorher hat man Chicken tikka auf dem Spieß über offenem Feuer gegrillt.

  3. hanna says:

    ich bin in der indischen küche nicht so bewandert, aber ich hätte auch gedacht, dass die ursprünge älteren ursprunges sind. aber sehr schön, dass sich dann schotten und engländer streiten, wer sich die feder an den hut stecken darf. danke für die unterhaltsame info.

  4. Eline says:

    So ein Zufall ist das gar nicht, ich esse so alle drei Wochen im indischen Lokal meiner Freunde und diesmal war es eine private Einladung der Lokalbesitzer in ihre Wohnung. Im Lokal gibt es 2 fix verankerte Tandoor und es gibt einen transportablen (400 kg), der für Catering eingesetzt wird. Brot gebacken habe ich dort schon. Dabei muss man sich nasse Tücher um die Hände wickeln, denn sonst verbrennt man sich total. Angeblich hat es bis zu 400 Grad da drinnen. Die Köche selbst sind das schon gewöhnt, die sind da sehr geschickt. Auch im Timing – wenn man das Brot nicht herausnimmt, wenn es gar ist, fällt es in die Glut am Boden. Das sind für mich die besten Brote der Welt: ungesalzener Roggenteig und nur mit etwas Ghee bepinselt.

  5. admin says:

    @Hanna: Das ist der aktuelle Forschungsstand. Indische Restaurants mit “Tandoori” im Namen gab es in den 50ern und 60ern jedenfalls auch noch nicht. In Kochbüchern werden Gerichte ja sehr gerne als uralt und traditionell dargestellt, notfalls wird halt eine Tradition erfunden ;)
    @Eline: Das ist ja interessant, dass du mit Tandooren sogar praktische Erfahrungen hast. Ich wohne in der Provinz, hier gibt es nicht mal ein indisches Restaurant. In London war ich mal in einem.

  6. Eline says:

    Das ist reine Glückssache. Ich lebe ja auch in der Provinz, trotzdem haben wir hier das beste indische Lokal, das ich kenne – und ich kenne viele, auch teure und hochdekorierte in England.

  7. Foodfreak says:

    Vielen Dank für diesen schönen und informativen Artikel, ich glaube ja auch dass es Tikka vor den Briten gab – wenn man in Südindien und Malaysia sieht wie stark doch Tomaten, Paprika und Chili(!) in der indischen Küche verankert sind steht das eigentlich ausser Frage, Chicken Makhani schmeckt ganz anders als chicken tikka (und auch sehr lecker).