Die Generation unserer Mütter tat es schon ganz selbstverständlich und öffentlich, die unserer Groß- und Urgroßmütter dagegen oft nur heimlich und mit schlechtem Gewissen – nein, eigentlich nichts Unanständiges: Sie tranken nachmittags gern das ein oder andere Tässchen Kaffee, dazu knabberten sie Konfekt oder Gebäck. Wenn sich zu diesem Zweck mehrere Frauen reihum zuhause trafen, dann nannte man das Kaffeekränzchen. Und diese Veranstaltung war selbst ernannten Sittenwächtern von Anfang an ein Dorn im Auge.
Die weibliche Gewohnheit, sich gegenseitig zum Kaffeetrinken zu besuchen, muss bald nach der Einführung der europäischen Kaffeehäuser im 17. Jahrhundert aufgekommen sein, denn schon das Frauenzimmer-Lexicon von 1715 kennt das „Caffé-Cräntzgen“. Das sei eine „tägliche oder wöchentliche Zusammenkunfft und Versammlung einiger vertrauter Frauenzimmer, welche nach der Reihe herum gehet, worbey sie sich mit Caffé trincken und L’Ombre-Spiel divertieren und ergötzen.“
Kaffeeklatsch erregte Argwohn
Eigentlich eine recht harmlose Angelegenheit, sollte man meinen. Von politischer Agitation für das Frauenwahlrecht oder der Einführung von Frauenhosen war schließlich nirgends die Rede. Doch die Moralisten witterten Unheil, angefangen von der Förderung eitlen Müßiggangs durch stundenlanges Rumsitzen über die Gefährdung des Ehe- und Familienlebens bis hin zum Ruin des Haushalts, weil das Dienstpersonal ständig ohne Aufsicht war. Es grenzt an ein Wunder, dass die deutsche Nation daran nicht zu Grunde gegangen ist. Jedenfalls kann man diesen Eindruck gewinnen, wenn man in alten Benimmfibeln liest.
Die Kritik kam im 19. Jahrhundert vor allem von den diversen Anstandshüterinnen, die diese Ratgeber verfassten. So erklärte zum Beispiel Luise Büchner den Damenkaffee theatralisch zum „Feind des weiblichen Geschlechts“ – wohl wissend, dass die meisten Frauen ihn als guten Freund ansahen. Diese Treffen am späten Nachmittag seien nichts als unnütze Zeitverschwendung, belehrte sie die Leserinnen. Zuhause könnten sie doch viel sinnvollere Dinge tun, etwa Briefe schreiben, die Kinder erziehen, auf den Ehemann warten … jedenfalls sinngemäß.
„Keine Frau geht so viel und so zu jeder Tageszeit aus, wie die deutsche. … Nirgends sonst als in Deutschland hat die Frau Jahr aus, Jahr ein, soviel Zerstreuung und Vergnügung … Landparthien und Damenkaffees, sowohl in, als außer dem Hause, gibt es nur bei uns …“, behauptet Frau Büchner keck. Offensichtlich hat die gute Frau nie einen Fuß außer Landes gesetzt. Was hätte sie wohl zur englischen Sitte des Afternoon Tea gesagt oder zum französischen jour fixe?
„Der Damenkaffee in seinen verschiedenen Variationen von der Stipsvisite zu einer Tasse Kaffee bis zu der feierlichen Staatsaktion mit Lohndiener ist bei der Damenwelt ebenso beliebt wie bei den Herren berüchtigt“, stellt Frau von Wedell 1897 fest.
Die Etikette
Aus ihrem Ratgeber Wie soll ich mich benehmen? erfahren wir, dass die Kaffeerunde im Salon „vor einem Sofaetablissement“ bewirtet wurde. Aufgebrüht wurde der Kaffee im Nebenzimmer von einem Dienstmädchen, das die gefüllten Tassen dann auf einem Tablett hereinbrachte. Ansonsten hätte man die Kanne auf einer Kohlenpfanne warm halten müssen. Zucker und Sahne wurden im Kreis herumgegeben. Gebäck und Kuchen standen in Schalen bereit. Keinesfalls sollten die Stücke zu groß ausfallen, denn das „sieht bäuerisch aus“. Dass es sich nicht gehört, zum Abkühlen in die Kaffeetasse zu pusten, war so selbstverständlich, dass es hier gar nicht erwähnt wird. Und natürlich befand sich in der Kanne „echter Kaffee“, kein kein Surrogat.
Wohl um der Untugend der Völlerei vorzubeugen, werden Kaffee und Süßes bei Frau von Wedell exakt zweimal angeboten, dann wird das Geschirr lautlos abgeräumt und die Damen wenden sich dem feingeistigen Gespräch zu oder holen eine Handarbeit hervor. Nach einer anderthalbstündigen Pause folgt dann aber ein weiterer Gang: Eiscreme, Sahnetorte, eingezuckerte Früchte oder Waffelgebäck mit Schlagsahne. Likör oder Cognac werden nicht angeboten, heißt es. Das Zeichen zum Aufbruch gab die älteste Kränzchendame. “Die Toilette für einen Kaffee ist das sogenannte Sonntagskleid. Bei großen Kaffeegesellschaften ist eine mittelfarbene oder auch helle Wolltoilette erlaubt. Gesellschaftskleider dazu anzulegen, ist dagegen ausgesprochen kleinstädtisch.“
In der Realität ließen sich die Frauen ihr Kaffeekränzchen nicht von Moralpredigern beiderlei Geschlechts vermiesen, auch wenn daraus erst im 20. Jahrhundert eine zwanglose Zusammenkunft wurde. Der Konditor Gottlob Gerlach gestand den Frauen jedenfalls wesentlich mehr leibliche Genüsse zu als die schreibenden Anstandsdamen seiner Zeit, beschreibt er das Arrangement einer Kaffeegesellschaft doch wie folgt: „Den Tassen gegenüber steht ein brennendes Wachslicht, dem zur Seite zwei Crystallflaschen, die eine mit Rum, die andere mit Vanille-Liqueur gefüllt. Neben jeder Flasche ein Teller, der eine mit Cigarren für Damen … Wenn der Kaffee genossen ist, so besetzt man die Stelle, worauf derselbe gestanden hat, mit einer Porzellan-Terrine, welche entweder mit Bischoff, Cardinal, Punschroyal, Maitrank oder Ananas-Wein gefüllt ist“. Zum Wohl, die Damen! Ein Kaffeekuchen und eine Torte durften natürlich nicht fehlen. Und das war bei Gerlach nur die Bewirtung einer „gewöhnlichen Kaffeegesellschaft“ – da wäre frau bei einer besonderen doch gern mal zu Gast gewesen.
Quellen:
- Amaranthes: Nutzbares, galantes und curiöses Frauenzimmer-Lexicon, Leipzig 1715
Luise Büchner: Die Frauen und ihr Beruf, 4. Aufl. Leipzig 1872
Marie Calm: Die Sitten der guten Gesellschaft, Stuttgart 1886
Gottlob Gerlach: Der elegante Kaffee- und Theetisch, 3. Aufl. Erfurt 1844
I. von Wedell: Wie soll ich mich benehmen? Stuttgart 1897
Ähnliche Artikel: Afternoon Tea











Schön geschrieben, gibst dir immer viel Mühe mit den Texten, gerade die *Qualität* mag ich! Weiter so!
danke für das Lob, das freut mich
Food History ist in der deutschsprachigen Blogosphäre ja noch ein ziemlich unbeackertes Feld. Hintergrundgeschichten zu Rezepten findet man sonst vor allem in englischen und amerikanischen Blogs, da ist das schon wesentlich etablierter
Ja so ist es! Ebenso grandiose Foodblogs gibt es in der deutschen Richtung nur etwa 30-40 gute lesenswerte Blogs die nicht nur aus SEO-Spam Rezepten bestehen. In der englischsprachigen Richtung ist alles viel viel professioneller in der Hinsicht finde ich *subjektiv*.