Afternoon Tea: Bloß nicht falsch umrühren
Posted by Petra Foede on 22 Jun 2009 | Tagged as: England, Kulturgeschichte
Was bei uns der Kaffee am Nachmittag ist, das ist in England die Teatime. Wobei auf der Insel genau genommen rund um die Uhr Teatime ist, aber der Fünf-Uhr-Tee ist ein Ritual. Wer sich in besseren Kreisen nicht blamieren will, sollte auf genussvolles Schlürfen oder geräuschvolles Umrühren beim Teetrinken verzichten. Und vor allem sollte er oder sie nicht damit prahlen, kürzlich zum „High Tea“ bei Soundso Wichtig gewesen zu sein. Das ist nämlich nichts besonders Feines, sondern im Gegenteil die gewöhnliche Kombination von Abendessen und Tee, eingenommen an einem hohen Esstisch – daher der Name. Sind Gäste eingeladen, wird der Tee im Salon auf einem niedrigen Teetisch serviert, das ist dann der „Low Tea“.
Erfindung einer Hofdame
Den Nachmittagstee eingeführt haben soll Anna Maria Stanhope (1783-1857), Herzogin von Bedford und einige Jahre Hofdame von Queen Victoria. Weil das Mittagessen damals schon vor 12 Uhr eingenommen wurde, das Abendessen aber nicht mehr um 17 Uhr wie früher, sondern Stunden später, führte sie für einen kleinen Kreis von adligen Freundinnen einen Imbiss am Nachmittag ein, bei dem Tee und Gebäck gereicht wurde, um die allzu lange Essenspause zu überbrücken. Wenige Jahrzehnte später war diese Teestunde beim Adel zu einer festen Einrichtung geworden und 1903 konnte eine Autorin feststellen: „In jedem anständigen englischen Haushalt, sei es ein Palast oder eine Hütte, wird zwischen 4 und 5 Uhr an jedem Nachmittag des Jahres Tee serviert.“
Wurden keine Gäste außer vielleicht einer Nachbarin erwartet, musste die Hausfrau keinen besonderen Aufwand betreiben – vorausgesetzt, sie verfügte über Personal. Das Mädchen brachte ihr ein Tablett mit dem Geschirr, dem Wasserkessel und allen nötigen Utensilien, die Dame des Hauses bereitete den Tee für die Familie oder auch ein paar Freundinnen eigenhändig zu und schenkte ein. Dazu gab es hauchdünnen Toast mit Butter, Teebrot oder auch englische Muffins.
Bei einem größeren Nachmittagsempfang war das Speiseangebot üppiger. Außer Tee wurde meist auch Kaffee oder Schokolade angeboten, es gab Kuchen, Sandwiches, gesalzene Mandeln, Pralinen und andere Kleinigkeiten, angerichtet auf kleinen Etagièren. Den Sandwiches widme ich demnächst einen eigenen Artikel, deshalb soll es hier um das Drumherum gehen.
Tea time - die Stunde der Frauen
Auch wenn mitunter Männer anwesend waren, blieben die Damen beim Tee meistens unter sich. „Sehen und gesehen werden“ hieß die Devise, weshalb sich die Ladies selten länger als eine Viertelstunde aufhielten, ehe sie zum Afternoon Tea der nächsten Gastgeberin aufbrachen. Während die Besucherinnen der damaligen Mode entsprechend im eng taillierten Kleid mit Korsett ihre Aufwartung machten, besaß die Dame des Hauses das Privileg, ein bequemeres Kleidungsstück zu tragen, das Tea gown genannt wurde. Dabei handelte es sich um ein weich fließendes Gewand aus dünnem Stoff und Spitze, quasi eine Kreuzung aus Kleid und Morgenmantel. In einem solchen Teekleid zeigte sich die Gastgeberin nur weiblichen Gästen – zumindest in der Theorie. In der Praxis soll die legere Kleidung manchen Quellen zufolge auch gern als Vorwand genutzt worden sein, den Ehemann zwischen 16 und 17 Uhr von zu Hause fern zu halten, um ungestört ein intimes Teestündchen mit einem Liebhaber verbringen zu können.
Für Besucherinnen war so ein Afternoon Tea in jedem Fall weniger bequem. Die Etikette verlangte, dass sie den Tee mit Hut und Handschuhen einnahmen, auch wenn die nach dem Verzehr von Sandwiches vielleicht nicht mehr ganz blütenweiß waren. Solche Vorschriften sind heute zum Glück passé. Nach wie vor aktuell sind aber andere Regeln, deren Sinn sich Ausländern nicht ohne Weiteres erschließt und die uns Ellen Easton dankenswerterweise erklärt. Zum Beispiel die beliebten scones wie ein Brötchen mit dem Messer aufzuschlitzen gilt als unverzeihlicher Fauxpas. Korrekt ist es, kleine Stücke abzubrechen und diese mit Butter und Marmelade zu bestreichen. Aber bitte auf keinen Fall in den Tee tunken, never!
Auch für das Halten der Tasse gibt es klare Anweisungen: Nie mehrere Finger durch den Henkel stecken, das ist ein no go. In England ist der Henkel mit spitzen Fingern anzufassen, wobei der kleine Finger vornehm abgespreizt wird. Also: pinkie up! Diese Marotte stammt noch aus der Zeit, als die kleinen Teeschälchen aus China importiert wurden und keinen Griff hatten. Ganz wichtig ist auch das korrekte Verteilen der Milch im Tee. Es ist auf der Insel völlig daneben, einfach umzurühren – das könnte ja jeder. „Platzieren Sie Ihren Teelöffel auf der 6 Uhr-Position und falten Sie die Flüssigkeit sanft zwei oder drei Mal in Richtung der 12 Uhr-Position.“ Na, jetzt wissen wir Bescheid.
Mehr zum Thema: Sally Lunn - die rätselhafte Bäckerin von Bath
2 Comments »





Da wäre ich ja gern mal dabeigewesen.
Interessant könnte es sicher auch sein, das Ganze mal mit dem deutschen Kaffee am Nachmittag zu vergleichen… würde ja auch sehr gut zum Titel des Blogs passen.
stimmt. In punkto Etikette können wir mit den Engländern da aber nicht mithalten