Spaghetti alla puttanesca heißt soviel wie „Spaghetti nach Hurenart“ – ein Name, der immer wieder Anlass zu wilden Spekulationen über den Ursprung des Gerichts gibt, das erst seit einigen Jahrzehnten bekannt ist. Manche vermuten, er soll einfach andeuten, dass die Pastasauce ziemlich pikant ist. Andere glauben, dieses Gericht sei früher den Freiern in italienischen Bordells serviert worden, um ihren Appetit auf andere Genüsse anzuregen.

Theorien zur Erfindung

Mit Abstand am beliebtesten ist aber die Theorie, dass Spaghetti mit Dosentomaten, Kapern und Sardellen in den 1950er Jahren die übliche Alltagsmahlzeit der Prostituierten in Neapel war. Zu dieser Zeit waren die Bordelle verstaatlicht und die darin tätigen Frauen waren gewissermaßen staatliche Angestellte. Sie hatten pro Woche nur einen Tag Ausgang, konnten also nicht regelmäßig frische Lebensmittel einkaufen und mussten beim Kochen folglich oft auf Konserven und Haltbares zurückgreifen. Diese Version von Spaghetti mit Dosentomaten wurde deshalb im Volksmund „alla puttanesca“ getauft.

Soweit so gut, allerdings wurden diese Bordelle in Italien 1958 ganz abgeschafft. Zum ersten Mal erwähnt wird dieses Gericht aber erst 1961, in dem Roman Ferito a morte von Raffaele La Capria, einem gebürtigen Neapolitaner. In Kochbüchern tauchten die Spaghetti alla puttanesca erst einige Zeit später auf.

Jeremy Parzen favorisiert deshalb eine andere Erklärung, auch wenn sie erst 2005 in der italienischen Zeitung Il Golfo präsentiert wurde. Danach soll dieses Gericht in den 1950er Jahren auf der Insel Ischia rein zufällig das Licht der Welt erblickt haben, im Restaurant Rancio Fellone. Mitinhaber Sandro Petti saß spät abends noch mit einigen Freunden zusammen, als diese Hunger kriegten und ihn aufforderten, etwas zu kochen. Angeblich war aber kaum noch etwas Verwertbares da, nur Spaghetti, ein paar Tomaten, Kapern und Oliven. „Facci una puttanata qualsiasi“ riefen sie, was soviel wie „mach einfach irgendeinen Blödsinn“ heißt, man könnte es auch mit „mach irgendeinen Dreck“ übersetzen. Also irgendwas halt. Petti tat wie ihm geheißen, das Ergebnis schmeckte der Runde und so nahm er das improvisierte Gericht einige Zeit später auf die Speisekarte. Weil „Spaghetti alla puttanata“ nicht gut klingt, wurde daraus „Spaghetti alla puttanesca“. Sagt Petti. Wer kulinarische Legenden kennt, weiß allerdings, dass etwa die Hälfte aller genialen Erfindungen in Restaurants genau so beginnt …

Neapel oder Sizilien?

Es gibt da auch noch ein kleines Problem: Das Gericht wird zwar immer wieder mit Neapel in Verbindung gebracht und Ischia ist ja auch nur einen Steinwurf entfernt, aber der Neapolitaner La Capria schreibt in seinem Buch verblüffenderweise „spaghetti alla puttanesca come li fanno a Siracusa“ – und Syrakus ist eine Stadt auf Sizilien! Meine ganz persönliche Theorie: Der Schriftsteller hat sich den Namen dieser Pastasauce damals einfach ausgedacht und einige Zeit später hat dann ein findiger Küchenchef ein Gericht zusammengestellt, das ihm dazu passend schien. Auf Sizilien, in Neapel oder anderswo.

Foto: Rainer Zenz

Foto: Rainer Zenz

Rezept für 4 Personen:

Zutaten: 150-250 g Spaghetti pro Person, 1 Dose Tomaten (400 g), 1 Handvoll eingelegte schwarze Oliven, 1 Chilischote, 4-6 eingelegte Sardellenfilets, 1-2 EL Kapern, 1-2 Knoblauchzehen, evtl. Tomatenmark und frische Kräuter (Petersilie, Basilikum oder Oregano), Olivenöl, grober Pfeffer. - Zubereitung: Spaghetti wie gewohnt kochen, Kapern nach Wunsch wässern, parallel in Olivenöl gehackten Knoblauch, zerkleinerte Sardellen und die Chilischote andünsten, dann die etwas zerkleinerten Tomaten zugeben. Mit Pfeffer und Kräutern würzen, evtl. etwas Tomatenmark nach Geschmack; Salz ist wegen der Sardellen nicht nötig. Die Sauce sollte wegen des Aromas 15 bis 20 Minuten köcheln, Oliven und Kapern erst kurz vor Schluss dazugeben. Wird die Konsistenz zu dick, mit etwas Nudelwasser verdünnen. Die Spaghetti mit der Sauce vermengen und sofort servieren.

In Rezepten werden für Spaghetti alla puttanesca oft frische Tomaten angegeben, das wäre die Version von Ischia – allerdings ist das eigentlich Pasta alla marinara mit extra Chili und ein paar Kapern.