Italiener können sehr emotional werden, wenn es um ihre Küche geht. Erst recht, wenn die Sprache auf Ragù kommt, ein kulinarisches Denkmal. Mühelos wird jeder einzelne von ihnen mir nachweisen können, dass ich keine Ahnung habe, wie man ein echtes Ragù kocht, nämlich das ihrer Mamma oder der Nonna. Folglich kann ich mich mit diesem Artikel eigentlich nur in die Nesseln setzen. Immerhin weiß ich, was ein echtes Ragù alla bolognese ganz sicher nicht ist, nämlich das was ich aus Kindertagen als „Bolognese-Sauce” kenne: eine Tomatensauce mit Hackfleisch auf einem Berg Spaghetti.

Foto: su-lin
In Bologna, und in ganz Norditalien, ist ein Ragù eine Fleischsauce mit einem Hauch Tomate. Tomatensauce, das ist Neapel. Und Spaghetti - die isst man auch in Neapel. In Bologna isst man Ragù dagegen mit Tagliatelle oder Lasagne. Zumindest darin sind sich die Italiener einig. Alles andere liefert Stoff für Diskussionen. Obwohl es seit 1982 sogar ein offizielles „authentisches” Rezept der Accademia Italiana della Cucina gibt, um das Jahrzehnte lang gerungen wurde. Aber: Kochen ist keine Religion - wozu also Rezepte in Stein meißeln? Solche Gerichte entwickeln sich über Jahrhunderte hinweg, hundert Hausfrauen hatten hundert Rezepte. Es gab noch nie das Rezept für ein Ragù.
Die Accademia lässt für Ragù alla bolognese nur Rind zu. Sicher war Fleisch für die einfache Bevölkerung früher zu kostbar, als dass man Schwein und Rind gleichzeitig gekocht hätte. Aber die meisten alten Rezepte nennen Hühnerleber und auch -herz und -nieren als Zutaten. Das Problem: Innereien sind heute nicht mehr populär. Da lässt die Accademia sie halt einfach weg. Gar zu authentisch muss es dann wohl doch nicht sein.
Ein bisschen Geschichte
Ragù bolognese wird gern als Gericht der cucina povera dargestellt, als Teil der „armen Küche” der Landbevölkerung, aber das stimmt so nicht. Die Ursprünge gehen zurück bis ins 16. Jahrhundert, als der Adel das Ragout (italienisch Ragù) aus der französischen Küche übernahm. Es kam als Füllung in Pasteten und in eine Art Lasagne. Tomaten waren da in Italien noch unbekannt. Mit Pasta, genauer mit Makkeroni, kombinierte es erst Alberto Alvisi, von 1785 bis 1800 Leibkoch des Kardinals von Imola, dem späteren Papst Pius VII. Da sind wir immer noch in der gehobenen Küche. Vor dem 19. Jahrhundert dürfte die einfache Bevölkerung der Emilia-Romagna kein Ragù gekannt haben.

Fleischer in Bologna (16. Jahrhundert)
Wie lange muss ein Ragù kochen? Auch dazu gibt es viele Meinungen, die Angaben reichen von zwei bis acht Stunden. Kochbuchautorin Marcella Hazan etwa schreibt „je länger, desto besser”. Mag sein. Aber warum ließ man das Fleisch früher stundenlang köcheln? Es wurde immer für Großfamilien gekocht, in riesigen Töpfen, das dauert. Und das Fleisch alter Ochsen war zwar billig, aber auch hart und zäh. Vom Prinzip hat das Ragù Bolognese des Volkes eine gewisse Ähnlichkeit mit Gulasch oder auch mit Chili con carne.
Rezept
Das Rezept ist eine Kombination aus zwei Kochbüchern, und zwar von Marianne Kaltenbach/Virginia Cerabolini sowie von Waverley Root (Time Life-Serie).
Zutaten: 100 g Pancetta, 1 Zwiebel, 1 Möhre, 1 Stange Staudensellerie, 50 g Butter, 150 g grob gehacktes Schweinefleisch, 150 g grob gehacktes Rindfleisch, 250 g Hühnerleber, 100 ml Rotwein oder trockener Weißwein, 200 ml Fleischbrühe, 2 EL Tomatenmark, 200 ml Milch, Salz, Pfeffer, Muskatnuss. - Zubereitung: Pancetta, Zwiebel, Möhre und Sellerie fein hacken. In einer Kasserolle Butter zerlassen, alles zusammen hineingeben, ebenso das Fleisch, und in etwa 10 Minuten leicht anbräunen. Mit Wein und 100 ml Fleischbrühe ablöschen und die Flüssigkeit verkochen lassen, dann die restliche Brühe zugießen. Wieder verkochen lassen und mit Tomatenmark, Salz, Pfeffer und Muskatnuss abschmecken. Die Milch erhitzen und zugießen. Die Kasserolle zudecken und das Ganze leicht köcheln lassen, bis die Milch eingekocht ist. Von dem Moment an, wo man die Milch zugibt, beträgt die Kochzeit noch etwa eine Stunde. Vorher in einer Pfanne etwas Butter zerlassen und die Hühnerleber ein paar Minuten anbraten. Dann in kleine Stücke schneiden und die letzten zehn Minuten im Topf mitkochen lassen. Wer will, kann kurz vor dem Servieren noch einen Schuss Sahne in den Sugo geben.
Wichtige Quellen:
Tags: Bologna, Hackfleisch, Italien, Kulturgeschichte, Pasta, Rezepte, Sugo
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