Retro-Küche: Hitliste der schrägsten Gerichte
Posted by Petra Foede on 02 Sep 2010 | Filed under: Deutschland
Kann sich noch jemand an die Gefüllte Erdbeere erinnern oder an den Hackigel? Wer das schon schräg findet, dem sei gesagt: Es geht noch schräger. Optisch auf jeden Fall, aber vor allem geschmacklich. Beim Blättern in Kochbüchern und Rezeptheften aus den Fünfziger und Sechziger Jahren bin ich auf einiges gestoßen, das einen Platz in meinem kulinarischen Kuriositäten-Kabinett verdient hat. Die Auswahl der Gerichte und ihre Platzierung ist dabei natürlich subjektiv und erhebt keinerlei Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Garantiert habe ich irgendwas vergessen oder es ist mir einfach noch nie begegnet. Weitere Nominierungen von Blog-Lesern sind also willkommen. Am häufigsten in meiner Hitliste vertreten sind übrigens Heringe, Würstchen und Bananen. (Fotos zum Vergrößern anklicken)
Hitliste der schrägsten Gerichte
Mein Favorit: Heringe Cordon Bleu. Aussehen tun die Fische recht appetitlich, aber in ihrem Inneren bergen sie ein dunkles Geheimnis: Käse, Schinken und Tomatenmark. Nein, ich habe das Rezept nicht getest, die Vorstellung war schon abschreckend genug. Kalbsschnitzel mit Käse und Schinken, wie beim Schweizer Vorbild, lasse ich mir noch gefallen, aber als Füllung in gesäuerten Heringen - nein, danke! Das Rezept stammt aus einem Heft der Frauenzeitschrift Constanze von 1958.
Platz 2: Bananenauflauf mit Fleischwurst
Dieses Rezept habe ich ausprobiert! Das war mein gekochter Aprilscherz. Hier sagt schon ein Blick, dass das nicht schmeckt. Es gibt da ja so einen Witz: Man koche x und y, richte es auf dem Teller an - und dann öffne man das Fenster und werfe es hinaus. Falls jemand einen Komposthaufen direkt unter dem Fenster hat, würde ich diese Methode hier empfehlen. Auch dieses Gericht stammt von Constanze. Wer mag da wohl gekocht haben? Der Pförtner?
Platz 3: Torero-Frühstück
Was isst ein mexikanischer Torero zum Frühstück? Der erste deutsche Fernsehkoch Clemens Wilmenrod, ein Ex-Schauspieler und Münchhausen der Küche, wusste es ganz genau: Toast mit Leberwurst, Tomate und Spiegelei. Wälzt sich da jemand vor Lachen auf dem Boden? Das muss ein mexikanischer Stierkämpfer sein, dem man gerade eine angeröstete Leberwurst-Stulle vorgesetzt hat. Leberwurst dürften in Lateinamerika allenfalls Wissenschaftler kennen, die fremde Kulturen erforschen. Prinzipiell essbar ist der Toast natürlich.
Platz 4: Candle Salad alias “Kerzenstüberl”
Was das sein soll? Eine Kerze mit Kerzenständer, das sieht man ja wohl. Okay, es könnte vielleicht auch etwas anderes sein … Aber hieße es dann “Kerzensalat”? Eben. Dieser extrem originelle “Salat” stammt aus den USA, und ich war mir eigentlich sicher, dass er es nicht über den großen Teich geschafft hat - bis ich ihn in einem Burda-Rezeptheft von 1962 entdeckt habe, als “Kerzenstüberl”. Eigentlich kommt auf die Banane noch ein Klecks Schlagsahne oder Mayo (Wachs!), aber den habe ich zum Glück vergessen.
Platz 5: Bretonischer Heringssalat
Noch ein Wilmenrod-Rezept, der Heringssalat “nach Art der bretonischen Fischer”. Die wären aus dem Staunen nicht mehr rausgekommen: Jetzt wird ein so genannter Fond gemacht, das heißt eine Salatsauce aus Tomatenketchup und einem Schuss süßer Sahne. Dort hinein kommen nun die guten Heringe … Es kommt hinein eine fein in Scheiben geschnittene kleine Banane, ein in Stücke geteiltes Ei, zwei Tomaten in Scheiben, ein Apfel in Würfeln und sagen wir zwei in Ringe geschnittene Zwiebeln. Fehlt eigentlich nur noch die Fleischwurst … Hier das Original-Video des NDR.
Die Idee, Würste zu füllen, ist mir suspekt. Sie sind ja von Haus aus bereits gefüllt, nämlich mit sich selbst. Das hat aber in den Sechziger Jahren niemanden davon abgehalten, Frankfurter oder Wiener erbarmungslos aufzuschlitzen und allerlei hineinzustopfen, zum Beispiel Schinken, Käse oder Gewürzgurken. Ja, es wurden sogar Würste mit ganzen Bananen gefüllt, wie ich vor kurzem erst durch eine Leserin erfahren habe, und ich bin untröstlich, dass ich das Rezept dafür bisher nicht gefunden habe.
Platz 7: Käseschnitzel mit Marmelade
Der Name “Käseschnitzel” ist irreführend, denn eigentlich sind es panierte Weißbrotscheiben mit Käse und Marmelade, also so eine Art Armer Ritter, der sich nicht entscheiden kann, ob er nun süß oder herzhaft sein will. Ein Rezept aus dem Kochbuch Der goldene Löffel, das den Untertitel “in der Versuchsküche erprobte Rezepte” trägt. Ja, erprobt vielleicht - aber hat es auch jemand gegessen?
Mit was füllt man eine ausgehöhlte Kugel Edamer? Mit Gewürzgurken, Würstchen, Salzstangen … ? Nein, mit Käse. Ist auch logisch, denn durch das Aushöhlen hat man ja jede Menge Edamer übrig, der irgendwie verwertet werden muss. Da füllt man ihn also gleich wieder rein, nur in anderer Form, nämlich geschreddert und mit Sahne und Senf zu einer streichfähigen Masse vermatscht. Wer angeben wollte, schnitzte in den Rand der Käsekugel noch ein Zackenmuster.
Platz 9: Spaghetti mit Currywurst
Ein Gericht für Leute, die das Ausgefallene mögen und auch auf Pizza Gyros stehen: Spaghetti und Curry in einem Gericht vereint. Wen in den Sechziger Jahren das heftige Verlangen nach Exotik in der Küche überfiel, der griff entweder zu einer Dose Ananas oder zu Currypulver. Und für die Currywurst hier bitte unbedingt Cocktailwürstchen nehmen. Die deutsche Version von Spaghetti with meatballs.
Platz 10: Kartoffelsalat Florida
Ein weiteres Beispiel für pseudo-exotische Geschmacksverirrung. Wenn etwas für Florida nicht typisch ist, dann Kartoffelsalat. Den halten Amerikaner für typisch deutsch. Aber mit Ananas, Orangen und Dosenmilch-Dressing wurde für deutsche Hausfrauen daraus eine amerikanische Spezialität. Bitte nicht vergessen, den Kartoffelsalat auf Ananasscheiben zu servieren, das gehört so.

























